Endurotraining Bilstain

03. - 04. September 2011

26. September 2011 Der Transporter ist gepackt. Liege, Klappstühle, Zeltplane, Motorradklamotten, Futter, 9 l Mineralwasser und natürlich meine Yamaha XT 600 K.
Am Samstag, um 8h00 mache ich mich auf den Weg nach Bilstain, in Belgien, wo man mir die Feinheiten des gekonnten Off Road Fahrens beibringen will.


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Das Örtchen Bilstain liegt etwa 100 km von mir in einem Kessel, am Rande der Ardennen. Als ich kurz nach 9h00 die Abfahrt zum Gelände nehme, stehen schon etliche Gespanne vor der Schranke und warten auf Einlass. Eine Gruppe von Leuten steuert das Cafe an, das auch gleichzeitig als Anmeldung fungiert. Eine vollkommen überforderte Bedienung im Cafe, wird von einigen Cross-Fahren gebeten, doch endlich die Schranke zum Gelände zu öffnen und andere möchten sich anmelden. Da die Ärmste nur französisch spricht, frage ich erst gar nicht nach dem Weg und schließe mich, nach dem Öffnen der Schranke, einfach dem Autokorso an. Am Ende der „befahrbaren Straße“ ist das Camp und hier finde ich auch Stefan, plus Crew.

http://www.stefans-endurotrain​ing.de/​
http://www.rdmcbilstain.be/

Die Vorbereitung sind in vollem Gang, will heißen, erst mal in Ruhe Frühstücken und Kaffee trinken. Ich melde Anwesenheit und so nach und nach trudeln die anderen Lehrgansteilnehmer oder besser gesagt Delinquenten am Ort des Geschehen ein. Eine Armada von Beta’s steht als Übungsmaschinen zur Verfügung und ich bekomme ein wenig Zweifel, ob ich mit meiner alten XT die richtige Wahl für dieses Unterfangen getroffen habe. Die Beta’s sind Vollcrosser, leichter, niedriger und haben einen E-Starter (den ich mir manchmal wünschen würde). Und meine neuen Metzeler Karoo wären auch nicht so das richtige zum Endurofahren, meint Stefan. Tja, die Eierlegendewollmilchsau gibbet halt noch nicht! Egal, nachher muss ich ja mit meiner Maschine zu Recht kommen. Also, so schlimm wird es schon nicht werden.

Nach einem lockeren Kennenlern-Gespräch und dem Anlegen von Brustpanzer, Knie und Ellenbogenschonern, geht es auf das Trainingsgelände, ein abgesperrter Platz aus Sand, Staub und Geröll.



Ich bin ein wenig enttäuscht, aber noch voller Hoffnung. Es ist ca. 25° C und der Platz liegt noch im Schatten der Bäume. Stefan erklärt uns die anstehenden Übungen. Wir sollen Kreise fahren, rechts und links um den Pudding und vor und zurück.
Ein Glück, daß auf dem Platz eine kleine Baumgruppe steht, um die sich ein paar Pfützen und Schlamm gesammelt hat, durch die man fahren kann, sowie am anderen Ende des Platzes eine Art Geröllfeld, über das ich fahren könnte.
Wobei, die Steine sind schon gröber und da unbedingt in einer engen Kurve drüber zu fahren...na ich weiß nicht.

"Hier liegen keine Steine, höchstens Kiesel aber keine Steine", erklärt uns Stefan. Gabriel, sein 17 jähriger Sohn dient als Co-Trainer, aber vor allem als Anschauungsobjekt, wie man es machen sollte und wie nicht.
Nach ca. 20 min des eher "so nicht!" Machens, ruft uns Stefan zusammen. Er hat genug von unseren Fahrkünsten gesehen und schließlich sind wir ja auch im Grundkurs Enduro fahren.

"Kräfte sparen und Technik", das ist wohl die Grundvoraussetzung beim Enduro fahren. "Was meint er denn jetzt damit?", denke ich, während unser Trainer die Beta am Lenker mit einem Finger festhält. Die Temperatur ist so kurz vor Mittag auf 30° C angestiegen und die Bäume bieten auch keinen Schatten mehr, als wir alle unsere Motorräder am Lenker ausbalancieren und drum herum laufen.

Dann heißt es 1. Gang einlegen und neben dem Motorrad hergehen. Rechtskurve auf der linken Seite, links rum auf der rechten Seite. Die ersten Schweißtropfen laufen an meiner Nasenspitze zusammen und ich frage mich, warum ich mir das antue. Nach schier endlos langen Minuten des Kurvengehens mit Moped, der erlösende Ruf zum Sammeln.

Nächste Übung, langsames Kurvenfahren. Zum Glück jetzt auf dem Motorrad. Gabriel ist das Vorführobjekt. Die Bewegungsabläufe werden zuerst im Stand demonstriert, wobei Stefan das Motorrad hält und Gabriel die Bewegungen vormacht. Oberkörper in Richtung des Lenkereinschlags, Hüfte drehen und den Hintern als Gegengewicht zur Fahrtrichtung drehen. Für mich, als Bewegungslegastheniker eine meiner leichtesten Übungen.



Ich habe mittlerweile die ersten 1,5 l Mineralwasser verbraucht und es wird immer wärmer. Meine Konzentration lässt langsam nach und ich merke, dass ich unsicher werde- zudem fängt mein Kopf unter dem Helm an zu kochen. Den anderen geht es ähnlich und einer nach dem anderen sucht ein wenig Entspannung im Schatten unter den Bäumen.

Alle sind froh, als wir gegen 13h00 zu einer kleinen Einführungsrunde durch den Park und danach ins Camp fahren. Endlich raus aus der Sonne und ein wenig Fahrtwind für Gesicht und Motor. Die Öltemperatur fällt direkt auf 110° und auch mein Kopf hört auf zu pochen. Im Gänsemarsch drehen wir eine Runde und bekommen einen ganz kleinen Eindruck von dem, was uns erwartet.

Zurück im Camp pellen sich alle direkt aus den Sachen. Protektoren, Stiefel, Shirt, alles schweißnass und klebrig. Na toll, ich glaube ich komme mit meiner Ersatzwäsche nicht über das Wochenende.



Mit einer Wasserflasche und einem Schnitzel falle ich in den Stuhl. Dennoch die Stimmung ist gut und die gegenseitigen Sticheleien zwischen Vater und Sohn sind immer ein Schmunzeln wert.

So nach und nach kehren die Kräfte ein wenig zurück und während, die 45+ Generation sich von den „Strapazen“ erholt, geht Stefans Sohnemann sich ein wenig „warm fahren“. Tja, man müsst noch mal 17en sein!
Eine dreiviertel Stunde ist schnell vorbei und ich bekomme die ollen Knochen kaum in die Senkrechte gehievt. Zurück auf den Platz, es stehen noch Slalom und Bremstechniken an.

Nachdem Stefan den Parcours aufgestellt und den Ablauf erklärt übernimmt der Junior das Training. Wie ein Wiesel wedelt Gabriel durch den Parcours und wen er auch manchmal etwas vorlaut und provokant erscheint, fahren kann der „Kleine“ allemal.

"OK" denk ich, das habe ich schon öfter in anderen Fahrertrainings geübt und die Pylonen stehen doch ziemlich weit auseinander. "Und immer auf das richtige Gleichgewicht, beim umfahren der Pylonen achten", ermahnt uns Stefan.
"Ach ja, bewegen muss ich mich auf der Kiste ja auch noch. Und dann auch noch richtig." Die Zeit schleicht dahin! Runde um Runde durchfahren wir nacheinander den Parcours. Die Hitze unter dem Helm wird unerträglich und der Schweiß tropft bei allen in Strömen.
Gabriel liegt im Schatten der Baumreihe und beobachtet unsere Slalomversuche. Nach einer Weile, winkt er mich aus der Gruppe und schlendert zu mir rüber. "Du musst dich auf dem Motorrad mehr bewegen. Du bewegst dich gar nicht", sagt er. Ich schaue ihn mit einem "Hmmm" an und denke: "gleich erwürge ich ihn, gleich!". Ich glaube wir waren alle am Rand unserer Kräfte. Fast sechs Stunden waren wir nun schon im Gelände. Die Übungen, das Konzentrieren und vor allem die Hitze forderten ihren Tribut. Von mir kann ich das wohl allemal behaupten. Ich bekam keine vernünftige Kurve,
geschweige eine Kehre, mehr hin.

Nach einer kleinen Pause und Nachbesprechung, stand die für heute letzte Übung auf dem Plan: "Bremstechnik". Ich frage mich, warum eigentlich das Bremsen immer an den Schluss einer Übungseinheit gestellt wird. Ich habe bei Fahrtrainings festgestellt, das die meisten Ausrutscher genau bei dieser letzten Übung passieren. Überbremst und peng, liegst du mit der Nase im Dreck. Nun, auch die letzte Übung haben alle mehr oder minder gut noch hinbekommen, wobei ich bei mir sagen würde: "ehr minder..."
Die abschließende einfache Entenrunde durch das Parkgelände, kühlte wieder Kopf und Motoren.

Wir alle freuten uns auf das Grillen und ein gepflegtes Bier, vor allem aber raus aus den verschwitzten Klamotten.
Was soll ich erzählen? Ich denke, wir alle hatten einen schönen Abend. Jeder schmiss sein Fleisch auf den Grill, saß am Lagerfeuer, erzählte und lachte. Was mich betraf, ich unterhielt mich mit Julia und den beiden Jungs aus Aachen noch eine Weile, trank mein Bier und beschloss so gegen 9h30 meine Behausung aufzusuchen.

Oh man, was für ein grandioser Geruch strömte mir, beim Öffnen der Transportertür entgegen. Eine Pumahöhle kann nicht schlimmer riechen. Alle Klamotten raus auf die Motorhaube und erst einmal durchlüften, Socken, Unterwäsche und Shirt des 1. Tages in einen Plastikbeutel und fest verschließen. Danach schlief ich auf meiner Pritsche bis zum nächsten Morgen den Schlaf der Gerechten. Das ca. 5 m Meter weiter laufende Stromaggregat war für mich nach ein paar Minuten nicht mehr zu hören.

In der Nacht hatte es gewittert. Der Morgen war wolkenverhangen und trüb. Es hatte etwas abgekühlt aber die Luftfeuchtigkeit schien bei 90% zu liegen. Hose, Trikot, Protektoren, alles immer noch schweißnass. Egal, erst mal Kaffee und Frühstück.

Motoren starten und auf den Übungsplatz. Wiederholung der am Vortag erlernten Fähigkeiten. Der Regen hatte den Staub des Vortages in eine braune, glitschige Masse verwandelt, die sich in kürzester Zeit, Schicht für Schicht über Maschine und Mensch zog.

Endlich, die ersten längeren Passagen durch des Gelände. Erster Gang und sogar der Zweite wurden mal eingelegt. Toll, Kurven, kleine Hügel und tiefe Pfützen.


Manchmal hat man es schon schwer


Aber jetzt geht es für uns Endurofrischlinge ans Eingemachte. Bergauf und Bergen der Maschine im Hang. Ein kleiner Hügel ist schnell gefunden und Gabriel muss wieder als Übungsobjekt herhalten.

Berg hoch, Motor abwürgen und im Hang stehen bleiben. Die Betonung auf „stehen bleiben und Finger weg von der Kupplung“. Unser Testfahrer meistert die Übung erwartungsgemäß cool. Nach einigen Wiederholungen und Erklärungen
bin ich an der Reihe. Ich fahre den Hügel an, in die Bremse und der Motor stirbt ab. Automatisch ziehe ich die Kupplung. Im wegrutschen, höre ich Stefan rufen: "Finger weg von der Kupplung!" Zu spät, das Motorrad beschreibt im Rückwärtsrollen einen Halbkreis und nur durch das beherzte Zupacken von Stefan und Gabriel, lande ich nicht im Dreck.
Was war jetzt verkehrt? Stefan beantwortet die gestellte Frage direkt im gleichen Satz. "Kupplung gezogen, falsches Standbein und mit dem Fuß von der Hinterradbremse gegangen." Also quasi alles, was man nur falsch machen kann, denk ich. Aber nach einigen Übungen lasse ich die Kupplung stehen, nehme das linke Standbein und bleibe auch auf der Bremse. Geht doch! Und nun kann ich geordnet das Motorrad wenden und bergab rollen.

Nebenbei lernen wir noch, uns die richtige Spur im Gelände zu suchen und vor allem nicht ständig darauf zu achten, welchen Stein wir als nächstes treffen wollen. Ich habe es ausprobiert und es klappt. Denn ersten beiden Brocken konnte ich noch halbwegs ausweichen, den dritten habe ich dann aber zielsicher erwischt. Dabei trennen sich in der
Regel die Wege von Mensch und Maschine erstmal in entgegen gesetzte Richtungen, um dann im ungünstigsten Fall, am Fußende wieder aufeinander zu treffen.

Das Highlight des letzten Tages war aber die große Runde durch den Enduropark, mit längeren Bergauf-Passagen und der abschließenden Steilabfahrt. Wahrscheinlich extra für mich hat Gabriel ein Umleitungsschild ausgegraben, um sicher zu stellen, dass ich die nachfolgende Linkskurve auch finde, Scherzkeks.


Sieht gar nicht so steil aus!


Am späten Nachmittag heißt es dann für alle Abschied nehmen von Bilstain. Die Klamotten einpacken, Moped verstauen und sich auf die Heimreise machen. Ich habe in diesen zwei Tagen viele kleine, nützliche Dinge erfahren, die ich auf meinen hoffentlich noch zahlreichen Off Road Touren sicher gebrauchen kann. Man wird jetzt nicht auf Anhieb ein perfekter Offroader, aber ich würde jetzt einige Passagen mit Sicherheit besser und Kräfte schonender fahren, als bisher.

Text/Fotos: Chip



Kommentare


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Indy
Schön beschrieben 👍
Das hab ich nun auch, nachdem mich der Enduro Virus befallen hat , schon alles intus und fahre frei schon ziemlich sicher .
Viel Spaß weiterhin 👍
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Mopedfan71
"Die Betonung auf stehen bleiben und Finger weg von der Kupplung im Hang. " Mist, schon habe ich etwas vergessen gehabt. :-)
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chip59
Ja ja Guckie, wedelnde Ärsche sin schon wat geiles
aber am Ende doch immer mit Schwierigkeiten verbunden;-))
In diesem Sinne
Chip
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guckie1960
schon gemein..., schlammige Abfahrten.
immer nur beten, dass nur das Hinterrad in´s Wedeln kommt..*g*
schon geil, so´n wackelnder Arsch (am Mopped mein´ich!)
:-))
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