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tundrarabbit 12.08.2016

Wieder mal fast bis ans Ende der Welt und zurück...

Wegstrecke 7256 km
Länder/Regionen/
Wegpunkte
Polen, Litauen, Lettland, Estland, Finnland, Polarkreis, Norwegen, Eismeer Schweden, Dänemark
Straßenart Landstraße, Autobahn
Tour-Motorrad SUZUKI XF 650 FREEW...
Schwierigkeit leicht
Schlagworte Lappland


Wieder mal fast bis ans Ende der Welt und zurück...

Manch einer mag es für langweilig halten, immer wieder den hohen Norden als Ziel zu haben. Bei den meisten verbindet sich diese Vorstellung mit Kälte, Regen und Mücken. Gewiss, alles dreies kann nie ausgeschlossen werden, und trotz sorgfältiger Beobachtung der Wetterprognosen für die nächsten zwei Wochen bleibt es immer ein Glücksspiel, weil die Wettervorhersage für mehr als drei Tage unseriös ist und oft genug nicht mal die für den nächsten Tag stimmt. Und so eine Supertour wie 2014 werde ich so schnell nicht wieder erleben. Trotzdem, es zieht mich immer wieder hin. Letztes Jahr ersatzlos ausgefallen, weil im Juli nördlich vom 60. Breitengrad konstantes Mistwetter mit Regen und Temperaturen zwischen 11 und 17 °C waren, während hier tropische 39 Grad herrschten. Ich wäre ein Narr, tauschte ich 39 Grad und Sonnenschein gegen 15 Grad und Regen ein.
Aber, keine Reise gleicht der anderen, und für die, die es interessiert, weil sie selbst den Norden kennen und lieben oder weil sie noch einen Anschubser brauchen, hier die Tour 2016 in Kurzfassung. Und dieses Mal gibt es auch ein paar Bilder dazu.
Vorab zum besseren Verständnis der Ortsangaben, die sich häufig an geographischen Gegebenheiten orientieren und deren Endungen immer wieder auftauchen:
Im Estnischen: -jögi = Fluss
Im Finnischen: -joki = Fluss; -järvi = See; -niemi = Halbinsel, kleiner Werder; -kylä = Dorf
Im Schwedischen: -älv, -älven = Fluss; -sjö, - sjön = See; - bro = Brücke
Im Norwegischen: -elv, -elva = Fluss in der männlichen bzw. weiblichen Form; -bru = Brücke; -sjö = See;

Dienstag, 5. Juli
Bis gestern habe ich überlegt, ob ich über Schweden oder das Baltikum starte. Am Ende geht es nun heute Morgen gegen halb fünf los, nach Osten. Mein Ziel ist Lodz, wo ich Bekannte vom letzten Urlaub besuchen möchte. Da die Strecke über die A 2, den Berliner Ring und anschließend die A 12 nach Frankfurt/ Oder alles andere als attraktiv ist und nur der schnellen Bewegung dient, gibt es nichts zu berichten. Das Wetter ist fahrtauglich, freundlich und nicht zu warm. Östlich von Frankfurt endet die mautfreie Strecke der verlängerten A 12 auf polnischer Seite und ich nehme Kurs über Posen auf die Großstadt Lodz, welche ich am späten Nachmittag erreiche. Inzwischen hat ein leichter Regen eingesetzt, der zum Glück nicht von Dauer ist, aber einen Vorgeschmack auf das Tief gibt. Nach einiger Kurverei bin ich nach heute etwa 660 km am Ziel.
Ich habe vor, einen Tag zu bleiben, bevor es dann am Donnerstag wieder in die Spur geht. Der Mittwoch ist total verregnet und ich bin dankbar für die freundliche Aufnahme. Leider lässt sich so auch nichts unternehmen.

Donnerstag, 7. Juli
Morgens halb sechs sitze ich auf meiner treuen Freewind und sehe zu, dass ich vor dem einsetzenden Berufsverkehr aus Lodz in Richtung Warschau komme. Es ist unangenehm kalt und vor Warschau muss ich bereits in die Regenkombi springen. Dämlich wie ich bin, fahre ich auch noch in Richtung Zentrum, statt auf der N 8 zu bleiben und um Warschau herum Kurs auf Bialystok zu nehmen. Regen und rote Ampeln nerven, nach einer halben Stunde zeigt sich zum Glück ein Hinweis auf Bialystok, nichts wie weg hier. Die nächsten 70 km eine endlose Baustelle. Einspurig, Tempolimit zwischen 50 und 70. Endlich der Abzweig nach Lomza, ab jetzt Kurs Nord! In Suwalki, knapp 40 km vor der Grenze, habe ich das Tief weitgehend hinter mir und rolle zum zweiten Mal heute die Regenkombi zusammen. Ich liege gut in der Zeit, weil bei dem Wetter an eine Badepause nicht zu denken ist. Eine dreiviertel Stunde später bin ich Litauen. Der Wind bläst seit Lomza unangenehm aus West bis Nordwest, Stärke 4-5, schätze ich, und wackelt mich kräftig durch. Das macht sich auch am Verbrauch deutlich bemerkbar, meine Reichweite bis zum nächsten Tanken liegt weit niedriger als unter optimalen Bedingungen, Gesetz des Ausgleichs, Spritpreis runter, Verbrauch rauf. Oder mathematisch ausgedrückt: die Summe des Elends ist konstant.
Am 55. Breitengrad, bei Kauen, dem heutigen litauischen Kaunas, quere ich die Memel. Die Via Baltica verläuft fast schnurgerade nach Norden bis Tallinn, Dörfer werden so gut wie nie berührt. Ich habe auch keinen Grund zum Trödeln, denn Badewetter ist nach wie vor nicht in Sicht. Ich bin froh, dass ein Schauer aus einer einzigen dunklen Wolke über mir nur 10 min anhält, dann bleibt es mit Ausnahme noch so eines Schauers bei Kuopio aber für die nächsten rund 3500 km von oben trocken. Schon gegen acht Uhr abends liegt Litauen hinter mir. Wolkenloser Himmel, die tiefstehende Sonne im Westen nimmt ihre Bahn nach Nordwest, als ich Lettland erreiche und eine Stunde später auf dem Damm des Stausees der Düna die Umgehungsstraße von Riga unter die Räder nehme. Die 40 km Umweg sind ein Segen, verglichen mit der unmöglichen Verkehrsführung in Riga, die ich mehrere Male erlebt habe, und ich lege keinen Wert darauf, mir eine neue Route zu suchen. Schwer genug war es jedes Mal, sich herauszuwühlen, denn als alter Scout bleibe ich konservativ und mein Navigationsgerät ist der Sonnenstand, der mir je nach Uhrzeit die Richtung hinreichend anzeigt, oder, wenn die Sonne nicht scheint, mein Kompass und mein Instinkt. In Riga gibt es kaum Ausschilderungen über die Richtung der jeweiligen Fahrspur, so dass man ohne Navi 1. oder 2. Generation verzweifeln kann.
Schon gegen zehn bin ich nördlich von Riga, nachdem ich die Gauja gequert habe, an meinem Nachtlager, einem kleinen See neben der Straße im Wald, den ich schon mehrfach als Nachtlager erkoren habe. Leider ist auch dieser Platz inzwischen von einem geschäftstüchtigen Imbiss- und Barbequebetreiber vergewaltigt worden, doch niemand ist zur Stunde da; ich finde Platz für das Zelt. Nachdem alles erledigt ist, brennt ein kleines Feuerchen und ich genieße eine Cola mit Rum sowie hier bei 57°7´ n.B. die erste nicht mehr finstere Nacht in der nautischen Dämmerung seit zwei Jahren.
Etwas über 850 km bin ich heute gefahren; gegen halb drei, als es bereits wieder hell ist, krieche ich ins Zelt.

Freitag, 8. Juli
Schon nach vier Stunden ist es mit dem Schlafen vorbei. Die Sonne brennt auf die Zeltwand, ich muss raus. Nach dem Morgenbad im See erfrischt und sauber, das Gepäck ist bereits verstaut, geht es weiter nordwärts. Ursprünglich hatte ich vor, den Nationalpark der Gauja zu erkunden. Der Fluss ist über 450 km lang, obwohl er nur 70 km entfernt von der Rigaer Bucht entspringt. In einem fast vollen Kreis fließt die Gauja gemächlich durch Lettland und soll ein Paradies für Wasserwanderer, Wanderer und Radfahrer sein. Und genau da ist der Haken, Endurofahrer kommen nicht in den Genuss, sich frei bewegen zu dürfen. Und nur, um von einer Brücke der Hauptstraße aus den Fluss einmal sehen und filmen zu können, ist mir die Zeit zu schade. Also direkter Weg nach Salaca, Frühstück an der Ostsee, dann in Salacgriva ein paar Videoaufnahmen vom Mündungsbereich der breiten Salaca in die Rigaer Bucht. Hinter der Brücke biege ich nach Osten ab, will sehen, ob sich nicht eine Stelle zum Lagern und Baden am Fluss findet, aber Fehlmeldung. Jeder Stichweg endet auf einem Gehöft. Nach 3 km etwa kommt eine Brücke; aus dem breiten Mündungstrichter ist ein bescheidenes Flüsschen geworden, was sanft durch sein Tal mäandert. Ich weiß genug und fahre zur Hauptstraße zurück, nur noch 25 km bis Estland. Dieses Mal ohne Stopp an der Ostsee halte ich erst in Tallinn, um mich um ein Ticket für die Tallinkline zu kümmern. D-Terminal, hoch zum Schalter und für Sonnabend früh halb acht die Fähre nach Helsinki.
Hier am Schalter treffe ich auf Eyyup, einem türkischen Motorradfahrer aus Ankara, der zum Nordkapp will und heute noch die Überfahrt mit der Nachtfähre im Auge hat. Während wir warten, bis ich an der Reihe bin, rede ich ihm die Nachtfähre aus. Erstens erheblich teurer als morgen früh und zweitens kommt er nachts halb eins in Helsinki an, wenn es dämmrig ist. Ehe er sich die 150 km Richtung Lahti auf der Autobahn nach Norden bemüht hat und etwas zum Schlafen findet, ist es früh um 4 und nicht übermäßig warm. Hier muss ich erwähnen, dass der Eyyup unterwegs ist, wie ein Dorffriseur: in Jeans und einem dünnen Lederjäckchen ist er auf dem Weg zum Subpolargebiet, wo man zwischen -2 und +30 Grad mit allem rechnen muss, was das Wetter bieten kann. Für Regen und Kälte, meint er, habe er noch eine etwas dickere Regenkombi… Ich fass´ es nicht. Aber ich überzeuge ihn, doch mit mir zum Jägala-Wasserfall, 25 km östlich von Tallinn, zu fahren. Den möchte ich mir ansehen und dort schlafen.
Kurz und gut, gegen 10 sind wir am Wasserfall, leider hat der Jägalajögi zur Sommerzeit keine große Wasserführung; nur ein paar m³/s rauschen am linken Ufer über die Felskante und stürzen 8 m in die Tiefe. 2/3 bis ¾ der gesamten Breite liegen derzeit trocken. Trotzdem ist der Wasserfall, immerhin der größte in Estland, gut besucht, und bietet im Frühjahr oder nach Starkregen sicher ein beeindruckendes Bild, wenn auch keineswegs vergleichbar mit den Fällen der Plitvicer Seen oder der Krka-Fälle in Kroatien.
Wir sammeln/ schlagen Holz für ein Lagerfeuer und genießen neben dem Wasserfall bis nach Mitternacht die Natur und genehmigen uns eine Cola mit Whiskey. War ein kurzer Fahrtag heute, nur 350 km. Morgen will mich Eyyup für einen Tag begleiten, dann wird er entscheiden, ob er sich weiter in mein Kielwasser hängt, oder allein weiterfährt. Er verbringt die Nacht im Zelt, ich schlafe gleich im Freien, zu wenige Mücken, die Mühe lohnt nicht, bequemer kann ich es nicht haben. Da wir nun mittlerweile eine Breite von 59°27´ Nord erreicht haben, tritt nur noch eine leichte Dämmerung zwischen 1 und 3 Uhr ein, doch da liegen wir schon im Schlaf.

Sonnabend, 9. Juli
Ich hatte den Lagerplatz mit Bedacht so gewählt, dass die Sonne nach ihrem Aufgang über dem Wasserfall scheint und die Strahlen auf den Schlafsack fallen. Das hätte auch funktioniert, wäre nicht in dieser Nacht Nebel aufgezogen, dick wie im November. Das Aufstehen haben wir für halb sechs geplant, damit wir rechtzeitig an der Fähre sind. Als ich den Kopf aus dem Schlafsack schiebe, bin ich wegen des Nebels schon bedient. Die Sonne scheint schwach milchig hindurch, genau da, wo ich sie erwartet habe, aber der Nebel ist nass. Kurz nach 6 starten wir, der Nebel hält sich zäh bis Tallinn und erlaubt keine hohen Geschwindigkeiten. Wir erreichen die Innenstadt und die Sicht wird klar. Ein letztes Mal günstig tanken und ab zum D-Terminal. Die Fähre legt bereits 10 min früher ab. Unterwegs hole ich noch etwas Schlaf nach, pünktlich legt die Fähre in Helsinki an. Strahlend blauer Himmel mit ein paar Schönwetterwolken empfängt uns. Wir müssen vom Hafen der Ausschilderung nach Lahti folgen und erreichen 20 min später die Autobahn. Eyyup hat mit meinem Reisetempo wie erwartet seine Probleme. Deshalb schlägt er nach einigen Kilometern vor, auf der Nationalstraße weiter zu fahren. Ich habe nichts dagegen einzuwenden. Inzwischen ist es warm genug, um sich etwas luftiger anzuziehen. Doch die Freude darüber ist kurz; schon im Raum Heinola trübt es sich wieder ein und der Wind kommt wieder aus West bis Südwest mit 4-5 bfr daher. Bei Hartola will ich ein Morgenbad im See nehmen, aber der heftige Wind, der kalt über den See bläst, raubt mir jede Lust dazu. Im Gegenteil, während des Frühstücks zünden wir ein Feuer an, aber der Wind nimmt der Flamme des Feuerzeuges die Kraft und die Birkenrinde fängt kein Feuer. Ich opfere einen Schluck Benzin, dann genießen wir die Wärme des Feuers. Wärmer anziehen tut not. Ich kann über Eyyup nur den Kopf schütteln, bei dem Wetter in Unterhose und Jeans. Ich habe zwei Unterhosen und eine Jogginghose unter der Lederhose und schwitze nicht im geringsten. Nur hatte ich keine Lust, noch die dicke Endurohose mitzunehmen und muss mich damit zufrieden geben. Eine Stunde später geht es weiter. Auffällig für Finnland ist, dass die Mehrzahl der Zweiradfahrer auf lärmenden Choppern unterwegs sind, einer gar, als wir nach Kangasniemi abbiegen, um den Bogen bei Jyvaskylä abzuschneiden, mit einem Hakenkreuz am Tank. Kroppzeug. Auf dem Weg nach Kangasniemi, nun schon auf 62° n.B., tröpfelt es etwas, bedarf aber keiner Regenkleidung. Kurze Pause am See in Kangasniemi; hinter einem Verbau gibt eine Rockband ein Konzert mit Beatlesoldies, Eyyup sitzt auf seiner Crosstourer, um ein wenig zu schlafen, und ich löffle ein Vanilleeis in mich rein. Weiter geht es Kurs Nord, Suonenjoki, zurück auf die E 75 nach Kuopio. In Kuopio der bereits erwähnte kurze, aber heftige Schauer, dann ist wieder Ruhe, nur der Wind hält an. Kurze Zeit später, beim Einkauf und Kettenpflege in Iisalmi, macht die Suzi Zicken. Will nicht anspringen. Ein Verhalten, als ob sie ersoffen wäre, wofür es keinen Grund gibt. Endlich brummt der Motor, doch 500 m später geht sie im 2. Gang mitten auf der Kreuzung einfach aus und wieder leiert der Anlasser, bis sie wieder kommt. Nun mache ich mir doch Sorgen, weil ich daraus nicht schlau werde. Hat sie noch nie gemacht, kam immer mit dem ersten Kolbenschlag. Eyyup äußert die Vermutung, vielleicht könnte die Batterie müde geworden sein, das viele Starten und die Fahrt unter Volllast mit Licht und Heizung. Da mir nichts Besseres einfällt, klammere ich mich an diesen Strohhalm und schalte das Abblendlicht aus, um etwas mehr Ladestrom übrig zu behalten. Eyyup beginnt zu frieren und ist müde. Doch ich kenne mich hier aus und weiß, dass wir erst am Seitenjärvi in etwa 100 km einen gescheiten Lagerplatz am See mit Feuerholz finden, wollen wir nicht ewig die Nebenwege absuchen. Gegen zehn zeigt das erste Hinweisschild „Rentierzuchtgebiet“ an, dass Lappland erreicht ist. Wenig später begrüßt uns auch schon wie auf Bestellung das erste Rentier, eine Kuh. Die Rentiere sind die einzige Hirschart, wo beide Geschlechter, selbst die Jungtiere, Geweihe tragen. Allerdings sind die der Bullen mit 12 und mehr Enden weitaus imposanter als die jämmerlichen Stangen der weiblichen Tiere. Wenig später ist der Seitenjärvi, ein Stausee auf 64,5° n.B., erreicht. Weitere 660 km Fahrt liegen hinter mir. Wir fahren vom Rastplatz den Weg ins Wäldchen auf dem kleinen Werder, finnisch auch Niemi genannt, bauen die Zelte auf und zünden am See ein Lagerfeuer an. Eyyup liegt bereits um 12 im Zelt, ich bleibe bis zwei und genieße die erste helle Nacht am Feuer. Wegen der dicken Wolken ist vom mitternächtlichen Farbspiel am nördlichen Horizont heute zu meinem Bedauern nicht viel zu sehen. Eine leichte Färbung zeigt sich zuweilen, aber wenigstens ist es trocken, konnte schlimmer kommen.

Sonntag, 10. Juli
Um acht ist Eyyup schon fast mit packen fertig, er wird allein weiterreisen. Doch vorher lässt er mich die Suzi probestarten, falls ich Hilfe brauche, wenn sie nicht anspringt. Etwas widerwillig dreht der Anlasser, doch dann kommt sie. Ersoffen war sie nicht, das hätte ich gerochen und spätestens jetzt an der ausbleibenden blauen Wolke gesehen. Noch ein Tee zum Frühstück, dann verabschieden wir uns, vielleicht sehen wir uns irgendwann wieder. Eine halbe Stunde später, nachdem mein Zelt verpackt und die Gepäckrolle unter den Expanderzügen liegt, rolle auch ich in einen neuen Reisetag. Baden fällt vorerst aus, der kalte Wind…
Zur Sicherheit habe ich das Starthilfekabel griffbereit vom Topcase in den Seitenkoffer verfrachtet, doch zu meiner Beruhigung macht die Suzi keine Sperenzien mehr. Vielleicht hat tatsächlich der Ladestrom gefehlt, keine Ahnung, jedenfalls tritt das Problem den Rest der Fahrt die nächsten 4500 km nicht mehr auf. Und – welche Freude, bei Kuusamo, am 66. Breitengrad, 100 km Fahrstrecke vor dem Polarkreis, lässt der Wind nach und die Wolkendecke reißt auf. Der Polarkreis begrüßt mich auf exakt 66°33´ n.B. nach etwa 2700 km Fahrt mit freundlichem, warmem Wetter. Die dicken Sachen verschwinden im Seitenkoffer und der Rolle. Mir ist wohler. Bei Kemijärvi sind nur noch Schönwetterwolken zu sehen. Tanken in Sodankylä, aua, die Finnen langen wieder richtig zu. Ich hätte in Kemijärvi bunkern sollen; nach den freundlichen Preisen in Polen und im Baltikum zwischen 1,03 und 1,10 €/l bin ich jetzt schon wieder bei 1,45 angelangt, und das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht. Abends halb neun erreiche ich nördlich von Sodankylä einen Stausee des Yläpostojoki, einem Nebenfluss des Kitinen, bei 67°44´ Nord. Die Sonne scheint, kein Wind, die beste Gelegenheit für das ersehnte Bad! Raus aus den Sachen, das Duschbad gegriffen und hinein ins 10 Grad warme Wasser. Eine Erfrischung, endlich wieder sauber, jetzt fühle ich mich wieder wohl. Ich lasse mich von der Luft trocknen, Mücken stören nicht, keine da (!). Dann weiter nach Norden, Ziel Inarisee.
Der Himmel bleibt die nächsten 150 km freundlich, im Nordwesten scheint die Sonne und zieht ihre Bahn nach Norden, die Straße geht fast nur geradeaus durch endlose Wälder, unterbrochen durch gelegentlich kreuzende Flüsschen oder Seen. Kurz vor Ivalo steigt das Gelände soweit an, dass eine Tundrahochebene erreicht wird. Kein Wald mehr, nur vereinzelte Birkenbüsche, die Gatter der Rentierzüchter, Sumpf. So schnell wie bergauf fällt die Straße wieder ab und schon stellt sich die Vegetation wieder um. Das gewohnte Bild aus Kiefern, Tannen, Birken und Pappeln hat mich wieder. Die Straße wird feucht und die Temperatur geht schlagartig merklich zurück. Eine boshafte Wolke hat vor nicht langer Zeit ihre Fracht abgeladen und verzieht sich am nördlichen Horizont kaum merklich nach Osten. Aus der feuchten Straße wird eine nasse und als ich gegen halb 12 nachts den Inarisee erreiche, stehen auf der Temperaturanzeige vom Hotel in Inari 11°. Unangenehm. Ich wollte eigentlich schon mein Lager vor 20 km bezogen haben, doch da stand ein Angler am Ufer - er war zuerst da. Also fahre ich 15 km in Richtung Kittilä nach Südwesten zum Solojärvi, dem für mich schönsten Platz nördlich vom Polarkreis. Nach weiteren 640 km heute erreiche ich um 12 das Südufer des Sees, 68°50´ n.B.. Das Schild „No Camping“ steht nicht mehr da. Dafür zwei Wohnmobile. Ich erkenne das Braunschweiger Kennzeichen, die unmittelbare Nachbarschaft. Das ältere Ehepaar, beide fast 80 Jahre, ist noch wach. Bevor ich das Zelt aufbauen kann, denn wegen der Nässe und wer weiß, ob es trocken bleibt, brauche ich es heute, kocht die Oma mir schon einen Tee zum Aufwärmen, dessen Wirkung durch einen Schuss Rum noch verbessert wird. Im Norden steht das schmale Wolkenband über den Bergen und genau vor der Mitternachtssonne, wie zum Hohn. Und es bewegt sich im selben Tempo, wie die Sonne nach rechts, heißt Osten, wandert. Lagerfeuer fällt heute ersatzlos aus, alles ist klatschnass, da brauche ich es erst gar nicht zu versuchen, obwohl mir gerade jetzt die Wärme guttun würde. Erst gegen zwei bricht die Sonne durch und von einem auf dem nächsten Augenblick wärmen die Strahlen. Ich sitze noch vorm Zelt, Mücken stören nur vereinzelt, und das liegt nicht an der Temperatur. Die Massenvermehrung blieb dieses Jahr bis jetzt aus. Wodan und Donar sei Dank. Trotzdem halte ich es nicht mehr lange aus. Der anstrengende Fahrtag und der permanente Mangel an Schlaf bleiben nicht ohne Folgen. Ich bin müde und muss mich halb drei ins Zelt zurückziehen.

Montag, 11. Juli
Halb zehn erst stehe ich auf, es ist sonnig, fast wolkenlos, doch die Wolkenbildung beginnt schon. Nachbars haben ihr Morgenbad schon weg und unterhalten sich mit der zweiten Wohnmobilbesatzung, einer alleinreisenden Französin aus dem Großraum Toulouse. Allein ist vielleicht nicht korrekt, vier Schäferhunde führt sie im Gefängniswagen mit. Während die beiden Alten nach Grense Jacobselv aufbrechen, packe ich zusammen und nehme mein Morgenbad. Ein paar Grad mehr wären nicht schlecht, aber ich wusste ja vorher, was mich erwartet, ist immerhin fast meine zweite Heimat. Ich will gerade aufsitzen, da kommt die Französin und lädt mich noch auf einen Schwatz beim Kaffee ein. Mut hat sie ja; wollte ursprünglich auch nach Russland rüber, aber die Grenzer haben ihr trotz des Visums die Einreise verwehrt. Angeblich dürfe sie nur zwei Hunde einführen, aber vier hat sie bei sich. Also Einreiseverbot. Sie führt es auf die schlechte Laune der Russen wegen der Krawalle bei der närrischen Fußball-EM in Marseille zurück. Jedenfalls scheinen die Grenzer noch die Schikane zu genießen und durchsuchen das ganze Wohnmobil, in dessen Folge die arme Frau einen halbe Tag brauchte, um wieder alles ordentlich an seinen Platz zu bringen. „Zum Glück“, erklärt sie mir, „fanden sie mein Gras nicht!“ Die hat es ja drauf. Na, mir egal. Nun ist es doch Mittag geworden, bevor ich aufbreche. Ein paar Dankesworte für das nette Gespräch und den Kaffee, ein gegenseitiges „Bon voyage!“ und schon liegt der Solojärvi wieder hinter mir. Ich muss in Inari noch einkaufen und will einen Blick in den Souvenirladen werfen, ob ich nicht eine finnische Flagge für zu Hause, die ich zur schwedischen hängen kann, finde. Alles Bestens. Tanken oder nicht tanken, das ist hier die Frage. 1,50 € der Liter, aber nach nur 70 km seit der letzten Befüllung lohnt sich das nicht.
Nächstes Ziel, Utsjoki an der norwegischen Grenze, etwas über 150 km. Mich hetzt niemand und ich kann mir Zeit nehmen. Mein eigentliches Problem ist mein Tagesziel heute. Berlevag auf der Varanger- oder Mehamn auf der Nordkynnhalbinsel? Die Landschaft ändert langsam ihr Gesicht. Statt endloser Wälder geht die Vegetation immer mehr in Tundra und Sümpfe über. Immer wieder hoppeln Rentiere vor mir her und zwingen mich zur Vorsicht, denn die blöden Viecher sind so unberechenbar wie anmutig und die Kälber putzig.
Utsjoki ist erreicht, 69°54´Nord, noch einmal Einkaufen und Tanken, 1,62 € der Liter. Da waren wir auch schon mal. In Norwegen wird es richtig teuer. Über den Tanaelva, finnisch Tenojoki genannt, führt die Pylonbrücke ins Königreich Norwegen in die Finnmark, seine nördlichste Provinz. Bis Tanabru begleitet mich meistens der Fluss. Dann die Entscheidung, links ab zum Ifjordfjell mit Kurs zur Nordkinnhalbinsel. Alea iacta est, wie die Lateiner sagten. Der Würfel ist gefallen. Am Tanafjord geht es rauf und runter, atemberaubende Aussichten auf die Ausläufer des Eismeeres wechseln mit dem Blick auf grüne Wiesen vorm Strand und Schneeresten auf den Bergen. Leider bin ich 8-10 Tage zu spät dran. Da waren selbst in Murmansk und Mehamn zwischen 26 und 28 Grad. Die Straßenverhältnisse sind lausig, Bodenwellen ohne Ende. Gut, dass die Enduro das locker wegsteckt. Zum Fjell steigt die Straße auf etwa 370 m über NN an und führt durch meine geliebte Tundra. Freie Sicht, überall kleine Seen und ein Flüsschen, dass sich in Mäandern seinen Weg zum Fjord sucht, und, immer wieder Rentiere.
Bei Ifjord, inzwischen ist es das, was man bei uns Abend nennt, zweigt nach Norden die Zufahrt zur Norrkynnhalvoya ab, der Laksefjord ist erreicht. Wieder geht es Achterbahn rauf und runter und schon wenige Kilometer später führt die Straße direkt am Strand entlang. Das Gebiet gehört schon zur Gemeinde Lebesby. Exakt auf 70°33´n.B. kommt mir der Gedanke, das milde Wetter und den Sonnenschein auszunutzen, insbesondere auch, weil der Strand aus körnigem Kiess und nicht aus großen, algenbewachsenen und damit schlüpfrigen Steinen besteht, ein Bad im Eismeer zu nehmen. Gedacht, getan, ein Zugang zum Strand ist schnell gefunden, raus an den Sachen, Videocamera an und hinein ins Wasser! Brrr, um die 7 °C ist nicht das Gelbe vom Ei. Aber was tut´s, dafür habe ich den ganzen Strand von Kamtschatka bis Tromsö fast für mich allein, und wer heiß baden will, soll daheim in die Badewanne springen! Erfrischt geht es nach einer kurzen Strandwanderung zwecks steiniger Andenken weiter und langsam wieder in die Höhe um die 300 m über NN. Auf dem Hochplateau fällt auf, dass dieses Jahr bereits fast der ganze Restschnee vom letzten Winter getaut ist, eine Folge der Hitze in der vergangenen Woche. Ein nächster markanter Punkt ist Hopseidet bei 70°48´ Nord, den ich früher schon beschrieben habe. Im Osten der Hopsfjord, im Westen der Eidsfjord, die beide nur an die 700 m voneinander entfernt sind, bei Flut noch weniger (Angabe ohne Gewähr, von mir geschätzt). Rasant geht die Fahrt abwärts, dann steigt der Weg genauso steil wieder an und ich muss erneut halten, weil der Anblick der äsenden Rentierbullen am Berghang so wunderschön in die Natur passt. Nun ist es nicht mehr weit und nachdem ich den höchsten Punkt auf der eigentlichen Nordkynnhalbinsel erreicht habe, führt mich die gut ausgebaute Straße mal rauf, mal runter, nach Mehamn. Auf die nächsten 25 km bis Slettnes fyr bei Gamvik verzichte ich, weil ich neugierig auf die Bucht von Mehamn und die Aussicht aufs Eismeer bin. Lange vor Mitternacht ist mein Ziel am Kap, etwa 20-30 m über dem Meeresspiegel, erreicht. Bis 1944 befand sich genau hier eine Flakstellung der Wehrmacht, wie eine Informationstafel belegt. 71°3´ n.B., 27°52´ ö.L., der Wendepunkt der Reise und fast das Ende der Welt sind erreicht. Die 3´ mehr bei Slettnes fyr machen den Kohl nicht fett. Außerdem hat sich der Tipp herumgesprochen und mit der Ruhe ist es dort schon lange vorbei. Wer intelligent genug ist und nicht auf den Nordkappschwindel vom sogenannten nördlichsten Punkt Europas hereinfällt, ist bei Slettnes fyr richtig, denn die Nordkynnspitze im Nordwesten der Halbinsel ist nicht mit Kfz. erreichbar. Drei Minuten nördlicher Breite weniger machen gerade mal 6 km aus, kaum nennenswert. Dafür wird die Bucht im Osten und Westen von Felsklippen eingerahmt und gibt ein ganz anderes Bild als bei Gamvik. Und außer zwei Wohnmobilen deutscher Touristen und ein paar Norwegern, die auch auf die Mitternachtssonne warten, ist hier Ruhe. 3583 km hat mich die Suzi bis hierher begleitet.
Der Bad Tölzer begrüßt mich gleich mit der Frage, ob ich noch Grillwürste an Bord habe. Bevor ich mich wundern kann, ob er vielleicht Kohldampf hat, aber der Bordkühlschrank leer ist, kommt schon die Erklärung, der Grill ist noch heiß. Also schnell die Würste auf den Rost. Während ich mir einen passenden Platz fürs Lagerfeuer heute Nacht suche, garen die Würste schon. So komme ich unverhofft zu einer warmen Mahlzeit. So weit, so gut. Problematisch ist die Beschaffung von Feuerholz. Hier oben auf dem Felsen gibt es kein Treibholz und runter zum Wasser kommt man nur im freien Fall, selbst mit gesunden Knochen lebensgefährlich. Also muss man sich umsehen. Aber da auch die Norweger ihren Müll, sprich Dachbalken und was so dran hängt, in die Natur werfen, werde ich bald fündig und kann mir ausreichend Holz zur Gemütlichkeit beschaffen. Kakao mit Rum versüßt die Nacht. Jetzt muss sich nur noch die Mitternachtssonne von dem schmalen Wolkenband befreien, das genau wie gestern im gleichen Tempo mit der Sonne zieht, so dass es wieder gegen zwei ist, bis sie endlich voll zu Geltung kommt. Da die geographische Lage die Zeit um eine Stunde nach vorn schiebt und obendrein Sommerzeit ist, passt es am Ende mehr oder weniger. Am Nordwestende der Bucht brechen sich die Wellen; meterhoch spritzt die Gischt. Dort möchte ich nicht hineinfallen. Für Abwechslung sorgt das Schiff der Hurtigroute, welches irgendwann den Hafen ansteuert und wenig später wieder verlässt. Welches Schiff es ist, kann ich aber nicht erkennen; vielleicht ist es auf der Videoaufnahme mit Vergrößerung später zu lesen, wenn ich die Aufnahmen auf DVD kopiert habe.
Während ich noch bis drei, als das Lagerfeuer weitgehend heruntergebrannt ist, die gewesene Mitternachtssonne und die Ruhe genieße - auch hier nur wenige Mücken – liegen sämtliche Nachbarn längst im Bett. Auch für mich wird es Zeit. Ich finde ein paar Meter weiter einen passenden Platz, weich durch die Vegetation, mit natürlichem Kopfkissen, und kann auf das Zelt verzichten.

Dienstag, 12. Juli
Gegen vier schrecke ich aus einem Traum hoch und will, noch nicht ganz da, aus dem Schlafsack springen und die Flucht ergreifen. Die linke Seite hat sich, weil der Schlafsack schwarz ist, durch die inzwischen recht hoch stehende und durch den wolkenlosen Himmel strahlende Sonne dermaßen aufgeheizt, dass es richtig heiß wurde, wodurch mir im Traum der Glaube erschien, ich liege zu nahe am Lagerfeuer und der Schlafsack habe Feuer gefangen. Blick nach links, der Schlafsack brennt nicht, mein Lagerfeuer ist weitgehend heruntergebrannt und raucht kaum noch, und, es ist 10 m entfernt. Blick nach oben, die Sonne blendet. Alles in Ordnung, ich schlafe weiter.
Gegen 7 muss ich aufstehen, es ist zu warm, also zusammenpacken und ab durch die Mitte. Die Nachbarn schlafen alle noch. Eine halbe Stunde später starte ich die Rücktour. Ich will es gar nicht glauben, dass die Hälfte der Reise schon vorbei ist.
Zunächst muss ich den gleichen Weg wieder zurück bis Ifjord, dann nehme ich Kurs auf Lakselv zum Porsangerfjord. Vorher muss ich ein Stück durch die Tundra, immer an den niedrigen Gebirgsausläufern entlang. Wieder hoppelt ein Rentierbulle vor der Maschine her. Mit 55 km/h schmeißt er die Hufe und kleine Steine hoch, bis ihm nach einem Kilometer endlich der Gedanke kommt, die Straße zu verlassen und ins Gelände zu wechseln. Bei strahlendem Sonnenschein erreiche ich 20 km nördlich von Lakselv einen Badestrand auf 70°8´ Nord. Hell, körnig, nicht schlüpfrig, das Wasser kristallklar. Morgenbad. Raus aus den Motorradsachen, rein in die Badehose, weil Publikum, Duschbad und hinein bis an die Hüften. Untertauchen, Auftauchen, nach Luft schnappen. Das Publikum klatscht Beifall. Verbeugen muss ich mich aber nicht. Die 6 bis 7 Grad zwicken nicht schlecht, aber zweimal muss ich mich noch ins tiefe Wasser hechten, um die Seife aus den Haaren und vom Körper zu spülen, dann raus. Ist noch alles dran.
Während ich zum Trocknen und noch ein wenig Dösen in der Sonne liege, zeigen sich erste Ausläufer eines Wolkenbandes, die einen Wetterumschwung ankündigen. Mit der Ruhepause sieht es nicht gut aus; schon bald haben die Wolken die Sonne erreicht, Zeit zum Aufbruch.
Keine halbe Stunde später bin ich in Lakselv an der Tankstelle. Wieder muss ich mir Gedanken machen, welchen Weg ich einschlagen soll. Die Route entlang der Fjorde scheidet dieses Jahr aus, sonst fahre ich dem Regen entgegen, denn auf 600 km Fahrstrecke komme ich kaum einen Meter weiter nach Süden, weil die Straße sich um die Fjorde windet und mal nach Norden, mal nach Süden führt. Also entweder Richtung Karasjok den kurzen Weg durch die Finnmarksvidda oder den kleinen Umweg am Porsangerfjord wieder einen halben Breitengrad nach Norden, dann westwärts bis Skaidi und südwärts nach Alta. Entsprechend tanke ich 10 l, damit ich erst einmal wieder etwas Spielraum habe. Trotz der gesunkenen Rohölpreise hält Norwegen an den hohen Benzinpreisen fest, die müssen ja nichts importieren. Nur dank des etwas günstigeren Wechselkurses des Euro zur NOK fällt der Literpreis nicht mehr ganz so astronomisch aus, wie vor zwei Jahren. Eine halbe Stunde später überfällt mich die Müdigkeit. Der permanente Schlafmangel fordert Tribut; ich kann mich kaum noch auf die Straße konzentrieren und fahre den nächsten Wiesenweg ab in Richtung Meer, um etwas zu schlafen.
Erfrischt wache ich eine dreiviertel Stunde darauf auf; ich könnte zwar immer noch schlafen, aber der Blick auf den Himmel zwingt mich schon wieder zu einer Entscheidung. Soll ich den eingeschlagenen Kurs beibehalten oder lieber die 40 km zurück nach Lakselv und ab durch die Tundra? Letztlich gibt die genaue Einschätzung der Richtung, die die Wolkenfront ziehen wird, den Ausschlag. Es sind nur noch 20 km, dann muss ich nach Westen abbiegen und von Skaidi aus geht es dann stramm auf der E 6 nach Süden, so dass ich davon ausgehe, einem Regengebiet zu entgehen.
Meine Kalkulation geht auf, es bleibt warm und sonnig, ich kann die Landschaft genießen, eine Hochebene, sofern man bei 300 m von hoch reden kann, führt durch die Tundra, begleitet vom Repparfjordelven; gelegentlich eine längere Abfahrt, dann liegt der Altafjord an der gleichnamigen Stadt vor mir. Mit der Querung des 70. Breitengrades verlasse ich gleichzeitig den letzten Ausläufer des Eismeeres und fahre nun auf der N 93, Kurs Kautokeino an einem Nebenfluss des Altaelva. Anfangs noch Kiefernwälder, doch schon bald stellt die Vegetation sich um und die Finnmarksvidda zeigt sich in ihren typischen, mit Birkenbüschen bestandenen Ebenen. Die Fahrt ist jedoch keineswegs eintönig. Der Fluss rauscht in Kaskaden nordwärts, die Straße führt durch einen Canyon und endet am höchsten Punkt am Silisjärvi, einem langgestreckten See, der sein Wasser wiederum aus dem Fluss bezieht.
Es ist schon Abend geworden, als ich den finnischen „Daumen“ erreiche, das schmale Stück Finnland, das sich zwischen Schweden und Norwegen einbuchtet. Nachdem ich in Kautokeino noch einen Nachschlag tanken musste, reicht mir jetzt mein Reservekanister aus, um bis Enontekiö zu kommen.
War die Plage von Mücken, Dasen und Knotts bislang kein Thema, ist es jetzt in der Tundra selbst auf den Rastplätzen nicht auszuhalten und ich muss mich mit dem bewährten Djungelolja gegen die Mistbande schützen. Endlich Enontekiö, aber sehr einladend ist der Benzinpreis nicht. Doch bis Muonio reicht der Sprit nicht mehr und ich muss ran, ob ich will oder nicht. Dazu hat sich im Westen und Norden der Himmel zugezogen. Es sieht nach Regen aus. Das Glück ist auf meiner Seite, 20 km später steht am Südufer des Sotkajärvi, inzwischen schon bei 68°19´ n.B. angelangt, eine Vogelbeobachtungswarte, obendrein versehen mit Grillplatz und einer einseitig offenen Hütte mit Tischen und Bänken für eine Pause bei widrigem Wetter. Besser kann ich es nicht haben. Etwas Farbspiel, obwohl ich das schönste davon schon verpasst habe, dann baue ich das kleine Zelt unter dem Dach der Rasthütte auf, indem ich die Heringe durch die Fugen zwischen den Bohlen jage. Ich hätte auch auf den Bohlen schlafen können, aber hier sind ausreichend Mücken, dass ich kein Auge zu tun würde, wenn ich nur im Schlafsack läge, denn das nervige Summen in dieser hohen Frequenz kann einen müden Trapper zur Verzweiflung bringen. Zudem fliegt mir eine Mücke gleich mal in den offenen Mund, als ich gähnen muss, unverschämtes Viehzeug! Ausspucken geht nicht mehr, sie steckt schon zu weit drin, nun kann ich sie nur noch unzerkaut runterschlucken, ist das kleinere Übel. Draufbeißen sollte man tunlichst verleiden, schmeckt beißend und bitter, wie ich aus den Erfahrungen früherer Jahre weiß.
Da es auch eine Vorratshütte mit reichlich Birkenholz für das Lagerfeuer gibt, ist bestens für mich gesorgt. Ein Gemisch aus Kakao und Rum ergibt einen leckeren Likör und ich lasse den Abend am Lagerfeuer ausklingen, bevor ich gegen halb drei ins Zelt krieche. 674 km waren es heute, total etwa 4250.

Mittwoch, 13. Juli
Ausgeruht oder nicht, auf jeden Fall bin ich schon nach sieben Uhr in der Frühe wieder auf den Beinen, weil das Liegen auf der harten Matte auf Dauer unbequem ist und ich doch nicht mehr schlafen kann. Es ist trocken geblieben, mir sehr zur Freude. Gewiss hätte ich am Muonionjoki sicher einen romantischeren Lagerplatz gefunden, aber im Regen zusammenpacken ist alles andere als angenehm, wenn es dazu gekommen wäre. So geht es denn bald darauf nach Muonio, wo ein kleiner Nebenfluss des Muonio am örtlichen Badestrand kurz vor seiner Mündung zum Morgenbad einlädt. Endlich wieder christliche Wassertemperaturen, so geschätzt um die 16-17 °C. Gereinigt fahre ich zum Konsum und dann zur Tankstelle.
Tank und Kanister vollgebunkert rolle ich wenige Minuten später über die Brücke des Muonionjoki nach Schweden und habe als nächstes Ziel die Bifurkation des Torneälven bei Junesuando. Vorbei an kleinen, meist versumpften Seen, über die sie verbindenden Flüsschen und durch die Kiefernwälder geht es nach Südwesten. In Junesuando am Rastplatz neben den Torneälven Frühstück. Ein Schwede auf einer unverschämt laut ballernden, stockhässlichen HD, hält. Der Fahrer ist aber nicht ganz so räudig wie die Maschine und wir wechseln ein paar Worte, bevor ich zurück auf der Reichsstraße 886 die Brücke des Torne quere und kurz dahinter nach Nordwesten auf die Piste in Richtung Nuuksujärvi abbiege. Wer selbst einmal die zweitgrößte Bifurkation der Welt außerhalb von Deltagebieten sehen möchte, der muss nach etwa 1600 m Piste die richtige Einfahrt nach links in einen Waldweg finden und noch einmal einen Kilometer über Wurzeln und Waldboden hoppeln, was des Endurofahrers Herz endlich mal wieder höher schlagen lässt. Am Ende der Waldpiste stehen bereits zwei Autos; auf einer kleinen Erhebung steht ein Cottage und Nebengebäude, so dass ich den Schweden gleich fragen kann, ob ich hier richtig bin, wenn ich die Bifurkation sehen möchte. Zur besseren Orientierung habe ich den Ausdruck vom Luftbild in der Hand. Bengt, so heißt er, und wohnt in Kiruna, wundert sich, woher ich von der Bifurkation weiß und wie ich hierher komme. Naturliebend, interessiert und nicht zuletzt auch ein wenig von Berufswegen, führe ich als Gründe an. Ich kann vom Zugang, einem schmalen Trampelpfad, der noch 100 m weiter zum linken Ufer des Torne führt, die Teilung des Flusses sehen, aber Bengt meint, etwas weiter nördlich kann man besser einsehen oder hätte ich Lust, die Bifurkation vom Boot aus zu sehen, jetzt oder später? Ich bin begeistert, mit einem solchen Vorschlag habe ich nicht gerechnet. Bengt lässt mich im Boot Platz nehmen, stakt ein paar Meter vom Ufer weg und wirft den Yamaha-Motor an. Bei strahlendem Sonnenschein fliegt das Boot der Landspitze zu. Bengt erklärt mir, dass die eigentliche Bifurkation hinter der Spitze liegt. Der Torne gabelt sich in einen rechten und linken Arm. Der rechte teilt sich noch einmal. Dieser rechte Nebenarm ist nun der Ursprung des Tärendöälven, der etwa 50 % der Wasserführung vom Torne mit sich nimmt, um nach 70 km bei Tärendö in den Kalixälven zu entwässern, während der kleinere Nebenarm um die Insel und wieder zum Torne zurückfließt. Während wir über das klare, braun gefärbte und nur einen Meter tiefe Wasser gleiten, habe ich Gelegenheit, den Rest des Akkus der Videocamera fast auszureizen, um möglichst viele Aufnahmen von diesem einzigartigen und bemerkenswerten Naturschauspiel festzuhalten. Im Nebenarm ist das Gerinne tiefer und reicht zum Schwimmen. Ich nehme aber erst nach der Rückkehr noch ein Bad im Torne, der fast 20 Grad Wassertemperatur hat. Mücken stören auch heute nicht. Ich weiß vor Freude kaum, wie ich mich bedanken soll, da fällt mir die letzte Flasche Rum ein, so dass ich Bengt wenigstens zu einem Drink einladen kann; während ich selber aber nichts zu mir nehme, weil ich noch fahren muss.
Inzwischen hat sich der Hügel am Cottage gefüllt; so lerne ich neben Bengts Frau und Sohn auch noch seinen Bruder mit Frau und Tochter, seine Schwester und seine Mutter kennen. Ich wollte eigentlich niemanden belästigen und mich schon lange wieder vom Acker gemacht haben, doch bin ich hier wirklich herzlich aufgenommen worden. Bei angeregter Unterhaltung, wo natürlich meine seit Jahren ausgeprägte Liebe zu Schweden zur Sprache kommt und auch der Gedanke, den Ruhestand in Südschweden zu genießen, was aber, bedingt durch meine Abneigung gegen den langen Winter und die teure Lebenshaltung, verworfen werden muss, vergeht die Zeit. Zweimal habe ich mich bereits verabschiedet, da werde ich noch eingeladen, zu warten, bis das Grillfleisch gar ist. Am Ende ist es abends 19.45 Uhr, als ich wieder auf der Maschine sitze, nächster Halt in Anttis, um auf der Rückseite einer Werkstatt für schrottige LKW und Baumaschinen aller Art den Akku aufzuladen. In der Zwischenzeit ziehe ich mich etwas wärmer an, weil ich noch bis Gällivare will. Entlang des Tärendöalven, weiter zur Mündung in der Kalix und parallel zum Kalix bin ich schon fast 40 km gefahren, als mir die Unsinnigkeit dieses Vorhabens bewusst wird. Vor Gällivare finde ich keinen geeigneten Lagerplatz, außerdem will ich noch auf einen Abstecher zum 892 m hohen Dundred, dem Hausberg von Gällivare. Dort zu schlafen, kann mir nicht einfallen. Der nächste ordentliche See mit Strand an der Südseite und Blick nach Norden liegt kurz vorm Polarkreis an der Strecke von Jokkmokk nach Messaure, über den Daumen gepeilt so um die 240 km. Selbst ohne Pause vier Stunden Fahrt… Also wende ich spontan und pfeife auf die verlorenen Kilometer. Zurück nach Tärendo und zum Fluss suche ich den Platz auf, an dem ich vor vier Jahren gelagert habe, 200 m durch den Wald zum Ufer des Tärendoälven. Wieder sind die Mücken keine Plage, das kleine Zelt schlage ich trotzdem auf, ein paar von den Biestern gibt es ja doch. Etwas Holz gesammelt und bald brennt ein lustiges Feuerchen, der Himmel ist fast wolkenlos, die Sonne steht tief und leuchtet über dem gemächlich dahinfließenden Tärendöälven. Für Komfort sorgt eine Bohle, über je zwei übereinander gestapelte Autoreifen gelegt, eine relativ bequeme Bank. Nur zum Einkaufen bin ich nicht mehr gekommen und im Seitenkoffer sind weder Cola noch Kakao. So bleibt mir heute nur, den Rum mit Wasser verdünnt zu trinken. Schmeckt nicht besonders, warm ist die Plürre auch noch, aber Hauptsache, es dreht. Die Tagesetappe war mit 265 km eher bescheiden, aber mich hetzt ja niemand. Die Zeit des Polartages ist vorbei, heute wird die Sonne auch auf Meeresniveau in diesen Breiten, ich liege exakt auf 67°12´ nördlicher Breite, untergehen, eine flache Bahn knapp ein Grad unter dem Horizont dahinziehen und irgendwann gegen zwei Uhr morgens MESZ wieder durch die Baumspitzen lugen.
Ich habe damit zu tun, mit dem Bowiemesser abgestorbene Fichten zu schlagen, um ausreichend Feuerholz liegen zu haben. Jetzt, wo die Sonne tief steht und die Luft abkühlt, verbreitet das Feuer eine angenehme Wärme. Ein paar Kullern Elchscheiße, die wenige Meter neben dem Zelt liegen und ausreichend getrocknet sind, packe ich als Souvenir für zu Hause ein. Dort werde ich sie mit Zinkspray besprühen und in ein Marmeladenglas füllen. Ganz so, nur mit Gold- oder Silberbronze, machen es auch die Einheimischen und verkaufen ein Glas Scheiße, je nach Herkunft, die Finnen für zwei Euro, die Norweger und Schweden für zwanzig Kronen, an Touristen. Wie man sieht, geht es auch billiger.
Wie gedacht geht gegen zwei die Sonne auf; ich bin müde und lege mich in den Schlafsack im Zelt.

Donnerstag, 14. Juli
Immer noch müde schäle ich mich gegen sieben aus dem Schlafsack und krabble wie ein Einsiedlerkrebs aus seiner Schnecke aus dem Zelt. Der Himmel ist wolkenlos und verheißt einen schönen Tag. Nach dem Packen nehme ich nun zum zweiten Mal Kurs auf Gällivare, bleibe aber nach dem Abbiegen auf der Reichsstraße 394 über Ulatti und verzichte auf die Piste über Messaure. Ohne Zwischenfälle oder besonders Sehenswertes erreiche ich nach knapp zwei Stunden die Stadt und fahre wenig später aus dem Tal raus zum Dundred, dessen Auffahrt zuweilen mit geschätzten 16 % Steigung steil innerhalb von knapp 4 km bergauf führt. Von der Bergkuppe hat man bei klarem Wetter wie heute einen wunderbaren Ausblick in alle Richtungen, Wälder, Seen und die Auswirkungen des Bergbaus bei Malmberget, der Bergarbeiterstadt im Nordwesten von Gällivare. Lange halte ich mich nicht auf und rolle wieder hinunter, stets zwei Finger an der Handbremse, falls auf der äußerst schmalen Auffahrt ein unaufmerksamer Autofahrer den ganzen Platz einnimmt oder ein verrückter Radfahrer von links nach rechts eiert, um den Berg zu erklimmen. Nach der dennoch rasanten Abfahrt, immerhin bin ich auf den übersichtlichen Abschnitten zuweilen schneller als mit meiner üblichen Reisegeschwindigkeit, komme ich wieder unten auf die Hauptstraße und weiter geht es den langen Anstieg aus dem Tal zur Hochebene, die nach Porjus zum Stausee des Luleälv und weiter nach Jokkmokk zum Polarkreis führt und die in einer Höhe zwischen 450 und 580 m über NN verläuft. Die Müdigkeit zwingt mich zu einem kurzen Stopp, ich muss unbedingt eine halbe Stunde schlafen. Ich liege auch kaum, da bin ich schon weg. Zwischen Porjus und Jokkmokk Baustelle, 15 km Schotterpiste, zum Glück nicht zu trocken, so dass sich die Staubentwicklung durch den Gegenverkehr in Grenzen hält, und mit der Enduro muss ich auch beim Tempo keine Abstriche machen. Am frühen Nachmittag erreiche ich Jokkmokk, die letzte Siedlung vor dem Polarkreis bei 66°36´ Nord. Einkaufen, Kettenpflege, Tanken. Während das Kettenspray einzieht, hängen Handy und Videocamera zum Nachladen an der Servicestation der Tankstelle, während ich in der Glut der Sonne am Tisch beim Essen sitze.
Übertreiben will ich es mit der Strecke heute auch nicht und nehme mir den Großraum Moskosel bis Arvidsjaur zum Ziel, um die letzte echte helle Nacht noch genießen zu können. Schon 5 km später bin ich am Polarkreis. Zum Baden ist es heute wieder zu windig, die Hitze von vorhin hat sich gelegt. Etwa 1950 km bin ich in den vergangenen Tagen nördlich des Polarkreises unterwegs gewesen und wieder habe ich das Gefühl, als wäre die Reise schon wieder vorbei. Mehr oder weniger stimmt das auch, denn mit der relativen Ruhe auf den Straßen ist es wirklich aus. Wahre Völkerschaften von Wohnmobilen und Caravans sind unterwegs. Leider halte ich mich am Ende zu lange im Shop am Polarkreis auf und es wird immer später. Das bemerke ich bei einem Blick auf die Uhr, als ich nach weiteren 110 km auf der Brücke vom Piteälven stehe. Zudem gab es hier vor kurzer Zeit einen heftigen Regenschauer; die Straße ist nass. Zum Glück war dieser recht eng begrenzt und in Moskosel ist zehn Minuten später schon wieder alles trocken. Hier wäre am See, Südufer, ein geeigneter Lagerplatz. Doch zunächst springe ich in den See zur Körperpflege. Leider ist der See endlos flach, so dass ich weit raus muss, um wenigstens bis an den Bauch im Wasser zu stehen. Von Sonne und Wind getrocknet und noch ein wenig auf der Zeltplane ausgeruht, breche ich auf. In Moskosel ist man verraten und verkauft, ich finde keinen Markt und bin gezwungen, nach Arvidsjaur zum Einkaufen zu fahren, will ich nicht wieder Wasser mit Rum trinken. Oder Rum mit Wasser. Unterwegs muss ich halten und Sprit aufgießen, die Reserve hat nicht bis Arvidsjaur gereicht. Dafür hat aber wenigstens der ICA-Markt bis 23 Uhr geöffnet und ich kann mich nach dem Volltanken für den Abend versorgen. Auf der Karte ist etwas östlich von Arvidsjaur an der Reichsstraße 94 nach Lulea ein See eingezeichnet, der zum Lagern geeignet scheint, doch schon am Ortsausgang schwimmt die Straße. Wieder ging ein Regenguss nieder; wenn ich den See zum Ziel nehme, ist der Untergrund klatschnass und wer weiß, ob ich trockenes Holz finde. Kurzentschlossen verzichte ich auf die Option des Lagers bei Slagnäs, denn ich kenne die Örtlichkeit nicht näher und müsste suchen, zudem enden dort fast alle Wege auf privatem Grund und in Fahrtrichtung stehen dunkle Wolken, während im Norden bei Moskosel immer noch blauer Himmel vorherrscht. Also fahre ich, wie gestern schon, wieder 45 km zurück und lagere am Südufer des Sees bei Moskosel. Da der Rastplatz inzwischen von Wohnmobilen okkupiert ist, bleibe ich in der Nähe des Bungalowdorfes. Zudem ist hier die Aussicht auf das nächtliche Farbspiel schöner. Auf ein Feuer muss ich wegen der unmittelbaren Nähe zum Zeltplatz und mangels Brennholz verzichten, dafür kann ich mir aber auch den Aufbau eines der Zelte ersparen und im Freien schlafen.
Nach wieder nur 450 km am heutigen Tage, insgesamt nun 5000, liege ich im Schlafsack, lasse mir einen Drink durch die Kehle rinnen und genieße hier knapp unterm 66. Breitengrad das etwas dürftige Farbspiel. Ich habe mir mehr erhofft, denn vor 18 Jahren habe ich hier ein nächtliches Farbspiel erlebt, das jeden Rekord bricht. Die Mücken lassen mich auch heute in Ruhe und irgendwann schlafe ich einfach ein.

Freitag, 15. Juli
Die Nacht bleibt wie erwartet trocken, die Entscheidung, hier zu bleiben, war richtig. Halb acht starte ich in einen neuen Fahrtag; für morgen ist Regen in Mittelschweden angesagt. Zurück und an Arvidsjaur vorbei führt nun die E 45 nach Östersund, etwa 450 km Weg. Auf einer sumpfigen Lichtung sehe ich zwei Großtrappen beim Frühstück. Eine Ortschaft nach der anderen wird angezeigt, Blattnicksele, Sorsele, Storuman, Vilhelmina, Dorotea, und liegen bald hinter mir, obwohl fast immer zwischen den Städtchen oder Siedlungen 50 km Wald, Seen und Flüsse liegen, wie der Skelefteälv, Vindelälven, Umeälven, Angermanälven, hier im Ober- bis Mittellauf meistens noch mit häufigen Stromschnellen. Manche Siedlungen bestehen nur aus ein bis zwei Höfen mit den Haupt- und Nebengebäuden, nur die Ortseingangs und –ausgangsschilder weisen darauf hin, dass sie überhaupt einen Namen haben. Doch die fehlenden Ampeln sorgen für entspanntes Fahren, man kommt einfach zügig voran, weil es keinen unnützen Halt wegen der Verkehrsdichte wie im Süden gibt.
Mit dem Ortsausgang von Dorotea verlasse ich auf 64°15´ n.B. Schwedisch-Lappland. Wieder durch endlose Wälder, zuweilen durch Wiesen mit duftendem Heu unterbrochen – es riecht nach Sommer - und Blicke auf die zahlreichen Seen, führt der Weg über Strömsund nach Hammerdal. Hier will ich nach Südwesten abbiegen und in der Nähe von Föllinge auf einer kleinen Halbinsel, die in einem vom Harkan durchströmten See liegt, übernachten. Ich kalkuliere eine knappe Stunde Fahrt ein und erreiche den See, als die Sonne schon tief steht, genau die richtige Zeit. Aber – die Böschung zur Halbinsel ist durch eine Leitplanke blockiert. Auch mit der Enduro keine Chance, nach unten zu kommen. Aber das ist nicht das Schlimmste, die Halbinsel, so wie ich sie kannte, als ich 1999 und 2006 hier bereits campierte, gibt es nicht mehr. Sie ist dem Wasser zum Opfer gefallen. Nicht dem Wasserspiegel, sondern dem Wellenschlag und dem Eis. Nur ein jämmerlicher Rest Fels bietet dem noch jämmerlicheren Rest Birken und Kiefern noch Platz zum Wachsen. Aus. Gegenüber, auf der anderen Seite der Brücke und des Sees, wäre noch eine Möglichkeit. Aber ungünstig gelegen, kein Blick nach Norden frei. Am Ende, so weiß ich heute, hätte ich besser getan, dort zu bleiben und bescheiden die Nacht zu verbringen. Doch ich habe es nicht aufgegeben und suche zwei Stunden alle möglichen Plätze ab, von Halbinseln angefangen über Pisten, die nirgendwo enden wollen, oder zumindest nicht am Südufer eines Sees. Als ich es aufgegeben habe, quere ich bei Granlunda, 63°33´ Nord, einen Stausee und finde am Damm einen Platz. Aber durch das rauschende Wasser sehr laut. Zurück. Auf dem privaten Grund klingle und klopfe ich an die Türen, um darum zu bitten, eine Nacht am Fluss schlafen zu dürfen. Kein Aas ist zu Hause oder man hat keine Lust zum Öffnen. Wie auch immer, Not kennt kein Verbot und ich fahre zurück zum Wasser, lagere hinter dem Bungalow, sitze noch ein wenig im kalten Wind beim nächtlichen Farbspiel und krieche um 12 in den Schlafsack, um einmal etwas mehr als nur 3 bis 5 Stunden zu schlafen. 517 km stehen auf der Abrechnung.

Sonnabend, 16. Juli
Im Schlafsack war es angenehm warm, daran konnte auch der Wind nichts ändern. Zur Vorsorge hatte ich die Folienplane noch übergelegt, um Schutz bei Regen zu haben. Genau davon, nämlich von einem leichten Trommeln auf die Plane, werde ich kurz nach sechs geweckt. Der Himmel ist grau und ein paar Tropfen fallen. Nichts mit weiterschlafen. Aufstehen, packen und ab durch die Mitte. Da letzte Rentier steht 30 m neben mir auf dem Acker und nascht an frischem Grün. Keine Ahnung, was Mitte Juli hier gedrillt wurde. Vielleicht irgendein Sommergetreide als Zwischenfrucht, denn es ist noch im Stadium des einzigen Keimblattes.
Schon nach kurzer Fahrt wird die Straße feucht, aber es spritzt noch nicht. Noch habe ich Hoffnung, ich könnte dem Regen entgehen, doch heute erwischt es mich. Noch vor Krokom spritzt es vom Vorderrad hoch und jeder, der mich überholt, produziert einen Wasserschleier, den ich voll abkriege. Mit bleibt keine Wahl, wenn ich nicht in einer halben Stunde durchgeweicht sein will, muss ich in die Regensachen. Stopp an der nächsten Wartehalle, denn jetzt geht es auch von oben los. Rein in die Regenhose und –stiefel, wenig später auch noch die Jacke drüber. So eingepackt rolle ich durch Östersund nach Süden. Bis Sveg am 62. Breitengrad verfolgt mich der Regen hartnäckig. Ich bin mitten drin. Die Temperatur ist auf 11 °C gefallen, äußerst ungemütlich. Erst südlich von Sveg hört der Regen auf, aber der Himmel bleibt bedrohlich dunkel und ich rechne jederzeit mit neuen Schauern. Doch davon bleibe ich verschont. Am Rastplatz neben dem Sandsjön kann ich endlich die Regenkombi wieder zusammenrollen und mich auch von der Jogginghose und einem Sweatshirt befreien. Langsam reißt die Wolkendecke auf und erste blaue Fetzen sich. Der Orsasjön ist erreicht, die Temperatur merklich gestiegen, in Mora herrschen 25 Grad. Bevor ich in den Supermarkt renne, muss ich mich ausziehen, sonst läuft mir die Brühe in die Stiefel. Noch Tanken, endlich mal eine Krone billiger als im Rest von dem bisher durchreisten Schweden, und ich knalle Tank und Reservekanister randvoll; dann folge ich der Ausschilderung durch die Stadt, quere den Dalälven, Schwedens größten Fluss, der aus dem Zusammenfluss von Västerdalälven und Österdalälven entsteht, und halte mich auf der Reichsstraße 26 in Richtung Vansbro. Bei nun sonnig warmem Nachmittagswetter macht die Fahrt durch nun inzwischen Südschweden wieder Spaß und knapp zwei Stunden später erreiche ich auf 60°30´ Nord am Zusammenfluss von Vanan und Västerdalälven Vansbro. Einkaufen, dann zum Stadtstrand, genau an der Mündung. Die Temperaturanzeige in der Stadt zeigt 17,2 °C Wassertemperatur an. Christlich. Hinein zur Morgenreinigung. Nun fühle ich mich wieder besser und kann am Tisch auf der Wiese zu Abend essen und von der Schokolade naschen, die ich gerade gekauft habe. Ich habe keine Ambitionen mehr, heute noch weiter zu fahren und beschließe den Abend nach heute 450 km auf dem Schwimmsteg, vor mir den letzten Schluck Cola mit Rum. Ich werde gleich auf den Brettern von der neben dem Fluss stehenden Sauna schlafen. Falls es regnet, ist das besser als nasses Gras. Immerhin ziehen mehrere schwarze Wolken von Nordwesten herüber und lassen ein paar Tropfen fallen. Im Gegenzug habe ich über dem Vanan ein schönes Abendrot. Trotz der letzten nun nur noch fast hellen Nacht, denn ab heute bin ich so weit im Süden, dass es nur noch die nautische Dämmerung gibt, liege ich bereits halb zwölf im Schlafsack, Gesicht und Hände mit Djungelolja geschützt, und mein Blick wandert am Himmel entlang, wobei mir die Augen zu fallen. Schon bald muss ich wieder die Folie über den Schlafsack ziehen, ein Schauer kommt herunter, dann ist wieder Ruhe und ich kann schlafen.

Sonntag, 17. Juli
Zum wiederholten Male krabbelt mich etwas im Gesicht. Das Djungelolja hat über Nacht seine Wirkung verloren. Ich nehme die Spraydose zur Hand und sprühe etwas „OFF“ gegen stechende Insekten. Gegen Mücken hilft das Zeug ganz gut. Doch die Wirkung bleibt dieses Mal aus. Kein Wunder. Dreiviertel sechs langt es mir und öffne mühsam die Augen. Ein paar Knotts haben mich gefunden und als Hauptgang zum Frühstück erkoren. Verdammte Mistbande; bis jetzt bin ich verschont geblieben und nun auf den letzten Kilometern das. Bevor ich mich erfolglos gegen die Bande wehre, kann ich auch aufstehen. Wolkenloser Himmel, so kann es bleiben.
Auf der Reichsstraße 66, irgendein Spaßvogel hat über die 66 noch mit schwarzer Farbe „Route“ geschrieben, führt mich der Weg nun ostwärts entlang des Västerdalälven in Richtung Borlänge. Schon nach 30 km ein kurzer Halt; die Kette muss gesprüht werden, das ging gestern Abend auf dem weichen Untergrund nicht, der Hauptständer wäre eingesunken. Nebenbei Frühstück und eine Aufnahme der Stromschnellen, ein herrliches Bild unter dem blauen Himmel. Doch es zeigt sich schon, dass die Wolkenbildung einsetzt. In Borlänge schwenke ich auf die Reichsstraße 50 nach Ludvika ab, von jetzt an geht es wieder in südliche Richtung. Der 60. Breitengrad wird gequert, von der Wildnis Mittel- und Nordschwedens ist kaum noch etwas übrig. Die Sümpfe sind ebenso verschwunden wie die Rentiere; an die Stelle der großen Seen und Moore mit ihren abgestorbenen Bäumen treten wieder Hafer- und Weizenfelder.
Bei Örebro geht es gar wieder auf Autobahn weiter, alles andere als angenehm. Eine Nebenstrecke nach Askersund, zum nördlichsten Ausläufer des Vätternsees, führt mich an einem weiteren See vorbei, bestens geeignet für eine Übernachtung. Diese Stelle werde ich mir für die nächsten Reisen merken.
Am Stora Hammarsundet Rast, eine halbe Stunde auf die Plane in die Sonne gelegt, Aufnahme von der Brücke aus über die Inseln, dann weiter, denn ich will die lange Rast bei Vadstena am Vättern auf dem Zeltplatz verbringen und dort mein Bad nehmen.
Dort wieder kommt es anders. Auf dem Parkplatz zum Campingplatz bricht mir die Schweißnaht am Ausleger des Schalthebels. Die Sollbruchstelle für Umfaller. Ich bin wegen meines steifen Fußes auf den verlängerten, starren Ausleger angewiesen, weil ich mit dem Hacken hochschalten muss. Doch zunächst mache ich mir keine Gedanken, wie es weiter geht und lagere am See. Bevor ich ins Wasser komme, schiebt sich eine endlose fette Wolke vor die Sonne und der Südwestwind frischt vom Wasser äußerst unangenehm auf. Das Baden ist mir vergangen.
Zurück am Motorrad. Der Bruch ist nicht so folgenschwer wie befürchtet; ich kann trotz des wippenden Auslegers schalten und brauche nicht zwingend jemanden zu finden, der mir mit dem Schweißgerät eine Naht zieht. Bis nach Hause komme ich auch so. Also weiter nach Süden, Tanken in Jönköping, es ist schon Abend, dann runter von der Autobahn auf die Reichsstraße 30 nach Frigstadt in Richtung Växjö, Smalands Hauptstadt. Dieser Weg ist etwas länger als die Autobahn nach Helsingborg, aber angenehmer zu fahren, zumindest bis Växjö. Ich habe genug Zeit und werde diese Nacht nicht am Lovsjön verbringen, sondern lagere am Helgasjön, einem größeren See, etwa 15 km nördlich von Växjö, 57° n.B.. Zwischen dem Helgasjön und einem kleineren, nur durch 50 – 80 m Land getrennten zweiten See, führt die Straße genau an einer kleinen Anhöhe mit Hügelgräbern aus der Stein- und Bronzezeit, wie ich einer Informationstafel entnehme, vorbei. Ein ausgezeichneter Lagerplatz, 550 km heute, Durchschnitt. Wer seit 3000 Jahren tot ist, wird mir auch jetzt nichts mehr tun, denke ich. Allerdings verzichte ich aus tatsächlichen Gründen auf ein Feuer und lege mich im Schlafsack unter eine Eiche. Im Nordwesten zeigt sich ein kleines Farbspiel des Abendrots am Himmel; ich liege mit Blickrichtung nach Nordosten und werde morgen früh die Sonne im Gesicht haben.

Montag, 18. Juli, letzter Tag
Über dem Helgasjön zeigt sich die Morgenröte, als ich gegen 3:30 Uhr das erste Mal wach bin und zur Videocamera greife. Beim nächsten Erwachen steht die Sonne bereits eine Handbreit über dem See; gegen sieben stehe ich auf. Packen, Minienduroeinlage durchs Gelände zur Straße und bald lasse ich Växjö seitlich liegen. Ab jetzt wird es langweilig, denn die Straße ist zur Kraftfahrstraße ausgebaut, durch Stahlseile statt Leitplanken werden die Richtungsfahrbahnen getrennt, Ortschaften werden umfahren. Ich muss noch zwingend zu einer Bank, denn ich besitze noch zwei Zwanzig-Kronen-Scheine vom vorletzten Jahr, die zusammen mit 50 und 500 Kronen seit dem 30. Juni nicht mehr als Zahlungsmittel akzeptiert werden. Mit dem Fünfziger Schein konnte ich im ICA-Markt von Vansbro dennoch bezahlen, aber die Zwanziger wurde ich nicht los. Ich biege also ab nach Lammhult und finde auf Anhieb eine Handelsbanken. Aber die öffnet erst um zehn, jetzt ist es gerade mal halb neun. Macht nichts, bis Malmö ist noch ein Stück zu fahren, da wird sich schon noch eine Bank finden. Ganz so ist es denn doch nicht, denn wegen der paar Mäuse lohnt es nicht, einen Riesenumweg zu machen, um eine der größeren Orte anzusteuern, so dass ich dann wohl oder übel nach Lund ins Zentrum muss. Hier werde ich auch von meinem Irrtum befreit, Lund sei ein kleines Provinznest in Schonen. Die Universitätsstadt hat es in sich. Mit über 80.000 Einwohnern und Umleitungen für einen Ortsunkundigen schon ein Brocken, besonders, wenn man nur auf Verdacht drauflos fährt, in der Hoffnung, an irgendeiner Hauptstraße im Zentrum werde schon eine Bank zu finden sein. Nun, natürlich finde ich auch eine Bank, nachdem ich dank der Umleitungen die Studentenviertel und verträumte Gassen durchquert habe. Dort bekomme ich meine Scheine gegen gültige Münzen getauscht und kann wieder Kurs auf Malmö nehmen. Doch zunächst raus aus dem Zentrum. Ausschilderung? Nicht so richtig. Die E 6 ist angezeigt, aber jede Straße führt eben nach links oder rechts. Ein Blick auf den Kompass, denn die Sonne, die den südlichsten Punkt ihrer Tagestour gerade erreicht hat, wird von einer dicken Wolkendecke versteckt, also muss ich, um nach Malmö, im Westen liegend, zu kommen, hier nach rechts abbiegen und bald kommt auch der erste Hinweis zu Autobahn. Nun heißt es nur noch aufpassen, dass ich die vielen Autobahnkreuze auf der richtigen Spur nehme. Es macht keinen Sinn, bis Trelleborg zu fahren, um die Nachtfähre zu nehmen, denn ich müsste fast 9 Stunden warten. Wäre Badewetter, würde ich solange zur Ostsee fahren, aber das fällt heute aus. Also bin ich neugierig, wie sich die Öresundbrücke nach Kopenhagen fahren lässt. 200 dänische Kronen, umgerechnet etwas über 27 €, kostet die etwa 12 km breite Überfahrt bis zur Insel und dann durch den Tunnel. Von Kopenhagen weiter zur Fähre nach Gedser, die alle zwei Stunden ablegt, wenn sie pünktlich ist.
Das ist sie heute leider nicht, eine halbe Stunde Verspätung wird für die 17-Uhr-Fähre nach Rostock angezeigt. Ärgerlich, denn dadurch geht mir diese halbe Stunde Helligkeit verloren. Ich habe durchaus keine Lust auf eine Nachtfahrt, aber es lohnt nicht, sich wegen der paar Kilometer noch einmal irgendwo in die Büsche zu schlagen. Endlich erscheint die „BERLIN“; die Ankömmlinge verlassen das Schiff, unsereiner wartet auf das Zeichen zum Start. Etwas dauert es noch, dann rollt die Freewind bis zum Bug nach vorn, wird unter einem Spanngurt verzurrt und ich suche mir einen Platz, um noch eine Stunde die Augen zu schließen.
Kurz vor halb acht legt die Fähre in Rostock an, ich bin wieder fast der erste, der den Weg zur Tankstelle nehmen kann, vollbunkern, und ab auf die A 20. Nur ein kurzes Stück bleibe ich auf der Autobahn und biege schon nach 40 km auf Güstrow ab. Auf der B 103 geht es weiter bis Pritzwalk. Der Rest kommt im Kommentar.

Kommentare


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rena61
Toller Reisebericht, hat Spass gemacht, war interessant zu lesen. Beneidenswert so zu Reisen, Hut ab.
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meine-dicke
Gefällt mir gut.
So etwas ähnliches habe ich nächstes Jahr in Planung, d.h. es ist schon alles fix, bis auf die Fährverbindungen, die noch nicht für 2017 online sind.

Grüssle ausm Badischen
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Offline
tundrarabbit
Überall ist die Ernte der Wintergerste abgeschlossen, jetzt sind Raps und Winterweizen dran. Ebenso ungewohnt sind die Buchenwälder und die heute erste richtige Nacht seit nahezu zwei Wochen. Von Pritzwalk bis Perleberg, nunmehr auf der B 189, auf der ich bis Magdeburg bleiben werde, begleitet mich im Nordwesten ein phantastisches Abendrot in allen Farbnuancen; so schön hatte ich es im Norden dieses Jahr leider nicht ein einziges Mal, dann setzt zunehmend die Dämmerung ein, doch der Vollmond und wolkenloser Himmel sorgen dafür, dass die Finsternis ausbleibt, als ich bei Wittenberge die vertraute Elbe überquere und selbst im Raum Osterburg, nun schon fast zu Hause, immer noch eine verlässliche Sicht ist, um Rehe oder Rotwild rechtzeitig zu erkennen, denn die Strecke ist für Wildunfälle berüchtigt. Eine Umleitung wegen Baustelle im Raum Stendal ignoriere ich; im Dunkeln sind alle Katzen grau und ich hoffe, mit der Enduro schon irgendwie einen Weg zu finden, der für andere Leute unpassierbar ist, wenn die Straße nicht gerade, wie in Südschweden passiert, unpassierbar ist, weil eine Brücke vollkommen weggerissen wurde und der Bach zu tief war, um da hindurch zu fahren.
Das ist dann aber der letzte kritische Moment, ich komme unbehelligt durch den Baustellenbereich und nachdem Stendal und Magdeburg hinter mir liegen, erreiche ich müde und stinkend, dass mich die Hunde anpinkeln, nachts zehn Minuten nach zwölf das heimatliche Grundstück. 7256 km liegen am Ende hinter mir, heute waren es noch einmal 715 km.
Die Bilanz, Verschleiß im normalen Bereich, praktisch keine Panne, Verbrauch, bedingt durch den lang anhaltenden heftigen Seiten- und teilweise Gegenwind, im Schnitt um die vier Liter auf hundert Kilometer, zwei halbe Tage Regen, ein paar nette Leute wiedergetroffen oder kennengelernt, unvergessliche Erlebnisse, atemberaubende Natur, Ruhe, Einsamkeit, kaum Mücken und zehn Pfund abgenommen. Schön, dass ich es noch kann, hoffentlich spielt auch das nächste Jahr das Wetter wieder mit.
An die Warmduscher und Liebhaber eines bequemen Bettes in einem Bungalow, einer Pension oder einem Motel: fahrt lieber nicht mit mir! An die, die etwas erleben wollen: warum traut Ihr mir immer noch nicht als Reiseleiter?
Die Linke zum Gruß und Euch gute Fahrt.
Tundrarabbit
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tundrarabbit
wie es scheint, ist der Text zu lang, das Finale fehlt noch. Ich versuche, es in den nächsten Tagen noch anzuhängen oder einen 2. Teil zu speichern.
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Indi_88
WOW....du bist ja echt hammerhart....
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