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tundrarabbit 21.07.2014

Bis ans Ende der Welt und zurück

Wegstrecke 7200 km
Länder/Regionen/
Wegpunkte
Polen, Litauen, Lettland, Estland, Finnland, Norwegen, Finnland, Schweden
Straßenart Landstraße, Autobahn
Tour-Motorrad SUZUKI XF 650 FREEW...
Schwierigkeit leicht
Schlagworte Lappland


Bis ans Ende der Welt und zurück

Für alle Liebhaber des gepflegten Essens in einem Restaurant oder der Übernachtung in Hotelzimmern oder Hütten gleich vorab, Preise kann ich nicht nennen. Wie üblich bin ich Versorger aus dem Supermarkt und schlafe im Zelt oder unter freiem Himmel, wo es mir gefällt und die Mücken es erlauben. Warm Duschen fällt aus, dafür hatte ich in den Flüssen, Seen und dem Eismeer von 7-23°C Wassertemperatur fast alles vertreten. Wer nun dennoch neugierig ist, dem wünsche ich viel Spaß beim Lesen und Appetit zur Nachahmung.

Donnerstag, 3. Juli
Wie gewöhnlich starte ich meist gleich nach Dienst. Wegen der verspäteten Geburtstagsrunde des kleinen Chefs und einer unaufschiebbaren Zuarbeit an das Landesverwaltungsamt komme ich erst 14:45 Uhr aus dem Büro und auf die fertig gepackte Suzi.
Um Land zu gewinnen, geht es gleich von Magdeburg auf die A 2 zum Berliner Ring, Kurs Frankfurt/ Oder. Auf das Hochdruckgebiet, welches mich die nächsten 10 Tage begleiten wird, habe ich mit Sehnsucht gewartet. Mein Tagesziel liegt in Polen, kurz vor Pila, dem früheren Schneidemühl. Da auf dem Wege weder Sehenswürdigkeiten liegen, noch besondere Ereignisse meine Fahrt begleiten, schweife ich nicht in Einzelheiten ab. Ankunft an dem See als Tagesziel ist gegen Mitternacht. Mit Regen ist nicht zu rechnen, Mücken tauchen nur vereinzelt auf, so verzichte ich auf das Zelt und schlafe gleich im Freien.
Die erste Etappe ging ab zu Hause gerechnet über 566 km.

Freitag, 4. Juli
Gegen 6 werde ich wach, habe relativ gut geschlafen. Das Morgenbad fällt aus. Die Wasseroberfläche ist von angewehtem Dreck versipht, ich verschiebe das Bad auf einen der masurischen Seen. Der Himmel ist nicht völlig wolkenlos, wird aber auf dem Weg von Schneidemühl nach Bromberg zunehmend sonniger, so dass ich auch auf einen Großteil meiner Bekleidung verzichte. Bei Graudenz überquere ich die Weichsel, die Königin der polnischen Flüsse, nächstes Ziel Osterode, dem Tor zu Masuren. Gegen Mittag bin ich da und peile den ersten besten Supermarkt an. Seit 22 Stunden habe ich nichts gegessen und nun meldet sich der Hunger. Nachdem ich gestärkt bin und getankt habe, komme ich kaum 500 m, als mich die Polizei anhält. Mir keiner Schuld bewusst, will ich schon in die Offensive gehen, denn wegen des dichten Verkehrs war ich deutlich unter 50 km/h. Alkoholkontrolle. Mir soll es recht sein. Die Milch hatte nur 2,5 % Fett, aber keinen Alkohol. Entsprechend positiv fällt der Test aus, ich darf weiter fahren. Ich empfinde es als einen Witz; der hat doch gesehen, dass die Maschine wie ein Andenmuli beladen ist; glaubt der im Ernst, dass ich da noch vorher einen trinke?
Weiter geht die Fahrt durch die masurischen Wälder bis Kosevo, etwa 20 km vor Nikolaiken. Dort kenne ich einen abseits gelegenen See zur Mittags- und Badepause. Leider wird die Badestelle von einer Horde Weihnachtsgänse okkupiert. Ich kann mich mit ihnen einigen und komme zu meinem Bad und einer Pause. Über Nikolaiken, Lyck und Treuburg nähere ich mich Suwalki, wo ich wenig später die litauische Grenze überfahre. Da ich nach Osten gefahren bin, habe ich eine Stunde Zeit verloren. Etwas ausgeglichen wird dieser Mangel durch die nördlichere Breite. Nach weiteren 100 km, es dämmert bereits, habe ich Kauen, das heutige Kaunas an der Memel erreicht. Auch hier unangenehme Veränderungen. Der frei zugängliche Strand eines Badesees wurde eingezäunt und vermarktet; die Enduro schert sich nicht darum, nimmt den Radweg zu einem Park; kurze Steilauffahrt und der Lagerplatz ist erreicht. Zeltplane und Schlafsack raus, fertig ist die Laube. 647 km standen heute an. Nun mittlerweile über dem 55. Breitengrad, setzt die astronomische Dämmerung nicht mehr ein, es bleibt beim Zustand der nautischen Dämmerung, definiert durch ein Versinken der Sonne bis maximal 12° unter dem Horizont. Ein paar Mücken wollen mich belästigen. Die Geheimwaffe Djungelolja kommt zum Einsatz. Das Zeug wirkt gegen die Viecher, hat aber den Nachteil, dass man sich richtig einschmiert.

Sonnabend, 5. Juli
Bei wolkenlosem Himmel ist gegen 6 die Nacht zu Ende, packen, aufsitzen und los, Kurs Nord. Die Via Baltica ist nicht gerade das, was man aufregend nennen könnte, aber man kommt gut voran, denn die Straße besteht teilweise aus der Autobahn oder Nationalstraße mit nur wenigen Ortsdurchfahrten. Schon gegen 11 habe ich einen kleinen Kiessee erreicht, wo ich einige Stunden verbringen werde. Das Wasser ist schon etwas wärmer als gestern in Masuren. Dennoch denke ich mit Grausen an das, was mir im Norden hinsichtlich der Wassertemperaturen noch bevorsteht, denn Ende Mai hat es am Inarisee und vor zwei Wochen noch bei Lakselv am Porsangerfjord geschneit; es gab im Norden noch keine länger anhaltende Sommerwetterlage.
Erfrischt, gereinigt und satt fahre ich am frühen Nachmittag weiter. Südlich von Bauska quere ich die Grenze zu Lettland, fahre an Riga vorbei und halte an der Rigaer Bucht bei Salacgriva noch einmal. Die Ostsee lädt wegen massenhafter Anspülung von Algen am Ufer nicht zum Baden ein. Gegen 7 geht es weiter, über die Grenze nach Estland; ca. 20 km vor Tallinn haue ich mich in die Büsche. Um Zeit zu sparen, schlafe ich dieses Jahr nicht bei Pernau am Strand, sondern baue auf einer gemähten Wiese gegen 11 das Zelt auf. Die Nacht verspricht kalt zu werden, außerdem schwirren reichlich Mücken umher, die mir den Schlaf rauben würden. Inzwischen bin ich über dem 59. Breitengrad und habe heute weitere 553 km abgespult. Obwohl noch immer nautische Dämmerung herrscht, wird es nicht vor ein Uhr nachts etwas dunkler. Um 12 ist es fast noch taghell.

Sonntag, 6. Juli
Mein Schlaf wurde durch irgendein periodisch aufkommendes Geräusch gestört, dennoch bin ich ausgeruht, als ich gegen halb 8 startklar bin. Umleitung in Tallinn, einmal nicht aufgepasst, und schon befinde ich mich statt zum Hafen in Richtung Narva. Da ich aber genug Zeit kalkuliert habe, um die Fähre der Silja-Tallink 10:30 Uhr zu schaffen, besteht kein Grund zur Hektik.
Ich schiffe mich am D-Terminal ein und begebe mich aufs Sonnendeck, wo ich Sergej und seinen Kameraden aus Moskau wieder treffe, denen ich gestern nördlich von Riga begegnet bin. Ich hatte gerade den Reservekanister aufgekippt, als sie hielten und mir Hilfe anbieten wollten.
Der Himmel ist nur locker bewölkt, aber über der Ostsee pfeift ein kalter Wind, der mich bald in meine Jacke treibt. Kurz vor ein Uhr mittags legt die Fähre in Helsinki an. Ich wühle mich in Richtung Lahti durch und erreiche die Autobahn. Nächstes Ziel ist ein See bei Hartola, sauber und badewürdig, heißt, kein Schlamm. Ich verbringe ein paar Stunden in der Sonne am See und bade. Das Wasser ist reichlich frisch, aber zu ertragen, wenn man sich den Schweiß vom Körper waschen will. Über mein Tagesziel bin ich mir noch nicht im Klaren, das hängt von den Umständen ab, wo ich gerade wann bin. Am Ende wird es gegen Mitternacht nach heute 521 km das Südufer eines Sees bei Iisalmi, 80 km nördlich von Kuopio, etwa bei 63,5° n.B.. Die erste helle Nacht steht bevor, denn hier, in der sogenannten bürgerlichen Dämmerung, die bis zu 6 ° unter dem Horizont reicht, wird die Sonne heute nur etwa 4 ° unter dem Horizont ihre flache Bahn ziehen. Kaum hat die Suzi den letzten Kolbenschlag von sich gegeben, werde ich schon von zwei Regimentern Mücken freudig begrüßt. Ich kann mir gar nicht so schnell das Djungelöl auf die besonders gefährdeten Hautpartien im Gesicht, dem Genick und den Händen auftragen, wie ich attackiert werde. Tolle Aussichten für heute Nacht. Nachdem das Zelt steht, geht es zum gemütlichen Teil des Abends. Feuerholz ist reichlich vorhanden und Dank des alten Trappertricks mit der Birkenrinde brennt kurze Zeit später ein lustiges Feuerchen, welches auch eine angenehme Wärme ausstrahlt, denn seit um 11 die Sonne unterging, ist es etwas frisch geworden.
Am nördlichen Horizont zieht sich das Farbspiel des Sonnenuntergangs bis zum Sonnenaufgang nahtlos hin. Hin und wieder filme ich, wenn ich nicht damit beschäftigt bin, Holz nachzulegen oder Mücken zu erschlagen. Als sich die Sonne 3:36 Uhr über die Baumspitzen schiebt, kann ich davon ausgehen, dass der eigentliche Sonnenaufgang astronomisch gesehen etwa gegen 3 Uhr war. Zu diesem Zeitpunkt habe ich grob geschätzt drei Kompanien Mücken gekillt. Ich bin müde und nach der letzten Videoaufnahme krieche ich kurz nach 4 ins Zelt. Zunächst muss ich noch die ungebeten Gäste, die sich mit hinein gedrängelt haben, eliminieren, dann, 4:15 Uhr, ist Nachtruhe.

Montag, 7. Juli
Ich habe schon geahnt, was auf mich zu kommt. 5:30 Uhr werde ich schon das erste mal wach und muss aus dem Schlafsack kriechen. Eine Stunde später ist es im Zelt nicht mehr auszuhalten. Die Sonne, die nun schon hoch am Himmel steht, brennt erbarmungslos auf die Zeltwand. Drinnen ist es wie in einer Sauna. Mit weiser Voraussicht habe ich schon die Rollen für Schlafsack und Isomatten mit ins Zelt genommen, so dass mich die Mücken hierbei nicht stören können. Lederhose an und raus. Schnell in die Stiefel, den Oberkörper und alle erreichbaren Stellen mit Off eingerollert, dann packe ich das Zelt zusammen. Da die Außentemperatur im Vergleich zum Zelt angenehmer ist, hält sich die Plage durch die Überlebenden meiner Antimückenkampagne in Grenzen. Eine Stunde später bin ich wieder auf der Straße, nächstes Ziel Kajaani.
Eigentlich will ich über Kuusamo zum Polarkreis, doch dann folge ich einem plötzlichen Impuls und biege hinter Kajaani ab nach Nordwesten in Richtung Rovaniemi. Am 65. Breitengrad kommt ein badewürdiger See mit Steg, dort will ich die Badepause verbringen. Mit der Sonne im Rücken rollt die Suzi gemütlich mit Tempo 80 dem Polarkreis entgegen. Ich habe es so eingerichtet, dass ich mich dabei braun brennen lassen kann. Am See angekommen, die nächste Enttäuschung: der Steg wurde an Land gezogen. Einstieg nur vom steinigen Ufer aus. Wegen meines demolierten Fußes will ich kein Risiko eingehen und verzichte. So fahre ich denn durch bis Rovaniemi, wo ich dann am Kemijoki raste. Eine junge Frau aus Finnland wirft einen Blick auf meine Sachen, während ich in den Kemi springe. Puh, kaum 10° Wassertemperatur. Und die Finnen tummeln sich darin wie in der Karibik. Sanna, so heißt das Mädel, erzählt mir, dass heute der erste heiße Sommertag seit langem ist; das nutzen die Menschen natürlich aus.
Halb acht setze ich meinen Weg fort. Eine Viertelstunde später habe ich den Polarkreis nördlich von Rovaniemi erreicht, 66° 33´ n.B.. Zur Erinnerung eine Videoaufnahme, ein kurzer Schwatz mit der Besatzung eines Wohnmobiles und weiter geht es. Sodankylä, Tankavaara, vorbei an der Goldgräbersiedlung. Ich überlege schon, ob ich nicht irgendwo hier Quartier machen soll, denn bis Inari ist es noch verdammt weit. Doch die Örtlichkeiten kommen mir nicht entgegen. Letztendlich halte ich unterwegs häufig, um die Mitternachtssonne zu filmen, die sich hier ab und zu durch ein Gewölk schiebt, denn eine Störung trübt den ungehinderten Sonnenschein. Ein Uhr nachts fahre ich durch Ivalo, noch 22 °C und 40 km bis Inari. Zum Solojärvi fahre ich definitiv nicht mehr und sehe zu, dass ich vor Inari noch einen guten Platz zum Lagern finde, wo ich die Sonne beobachten kann. Der findet sich dann auch 15 km vor Inari, direkt am See. Die Sonne steht mir genau gegenüber und wird die ganze Nacht nicht hinter den Bergen verschwinden. Stopp, 753 km heute. Zeltaufbau, etwas Holz für ein kleines Feuer. Leider bin ich nicht allein hier und ich will keinen Ärger. Mücken ohne Ende. Die Plage bricht jeden Rekord. Aber es wird morgen noch schlimmer kommen. Zum Glück weiß ich das heute noch nicht. Nachdem die Kette wieder geschmiert ist, lasse ich es mir am Feuer unter der Mitternachtssonne gut gehen und genieße meine Coke, die ich noch an einem Kiosk in Sodankylä erstanden habe, denn alle Märkte hatten schon zu. Über den Preis rede ich lieber nicht.
Als problematisch erweist sich, dass es sehr warm ist, ich aber das Sweatshirt an behalten muss, sonst sticht mir die Bande durch das T-Shirt durch. Nach der gestrigen kurzen Nacht und der langen Fahrt heute, bin ich müde wie ein Hund. Über 3000 km liegen nun hinter mir. Halb drei wälze ich mich in den Schlafsack und halte bis halb sieben durch.

Dienstag, 8. Juli
Heute werde ich kein Gefecht mit den Mücken haben, wenn ich am Feuer sitze, denn mein Ziel ist Slettnes Fyr beim Gamvik auf der Nordkynnhalbinsel am Ende der Welt. Der mit Kfz. nördlichste erreichbare Punkt auf dem europäischen Festland.
Doch zunächst auf zum Inarisee nach Inari. Einkaufen, Camcorder aufladen, Morgenbad im Inarisee. Brrrr… eisekalt, nur knapp an die 10 °C. Und noch nicht Ende der Fahnenstange. Doch ein Bad im See ist sehr reinigend. Und wer warm duschen will, mag daheim bleiben oder sich auf einem Zeltplatz einmieten. Bis um elf sind es schon 24 Grad. Gestern waren bis Utsjoki 30 ° angesagt.
Als ich wenig später mit vollem Tank nach Utsjoki aufbreche, freue ich mich schon auf die Tundra am Ifjordfjell. Trotz des Hochdruckgebietes wird es frischer und ich muss mich zum Fahren etwas wärmer einpacken. Der 70. Breitengrad wird bei Utsjoki erreicht. Die kleine Siedlung hat den höchsten Anteil finnischer Samen in der Bevölkerung. Über die Tanabrücke fahre ich in die Finnmark Norwegens ein, noch 70 km bis Tana bru. Dort teilt sich die Straße. Am rechten Tanaufer führt der Weg zur Varangerhalbinsel, am linken zum Ifjordfjell zur Nordkynnhalbinsel. Ich komme aus dem Filmen kaum heraus. Immer neue Motive, obwohl mir aus früheren Fahrten bekannt, werden aufgenommen. Auf 20 km Baustelle, übelste Piste. Gut, dass ich Enduro fahre. Schlecht, dass die Federung hinten zu weich ist. Jede Bodenwelle lässt die Feder durchschlagen oder ich muss vorher aufstehen. Ein Mangel, der sich jetzt nicht beheben lässt und bis zu Hause warten muss.
Es wird unangenehm kalt und kräftiger Gegenwind entwickelt sich. Mir kommen Bedenken. Längst sind die Birken der Tundra gewichen, und auch diese wird auf der 300 m liegenden Hochebene der Halbinsel auf Härte und Überleben getestet. Ein markanter Punkt wird bei Hopseidet erreicht. Keine Siedlung, aber eine Ortsbezeichnung. Von Osten und Westen reichen zwei Fjorde bis auf etwa 500 m aneinander heran, nur durch eine wenige Meter hohe Landbrücke getrennt. Dann geht es wieder steil bergan, auf die eigentliche Halbinsel. Bei Mehamn sehe ich eine Nebelbank, keine guten Aussichten. Nach weiteren 20 km im stürmischen Gegenwind erreiche ich abends 8 Uhr MESZ oder 9 Uhr Ortszeit in Finnland und Ostnorwegen Gamvik am Arktischen Ozean. Noch 4 km, das letzte Stück Piste, bis Slettnes Fyr am nördlichsten Festlandsleuchtturm der Welt. Das Ende der Welt ist erreicht. Noch 2300 km bis zum Nordpol. 71° 05´ 26" n.B. und etwa 28° 11´ 19" ö.L., Windstärke 6-7, Temperatur 5°, mir fliegen Bart und Haare weg. Bei dem Sturm bekomme ich kein Feuer in Gang. Es besteht zwar noch die Möglichkeit, dass sich bis Mitternacht der Sturm legt, so meinen meine Nachbarn, zwei junge Frauen und ein Baby im Wohnmobil, denn gestern war es auch so. Aber darauf will ich nicht warten. Von der Hitze der letzten Tage merke ich nichts mehr. Die Frauen brühen mir einen Kaffee auf, so dass ich mich aufwärmen kann. Ich filme unterdessen kurz. Etwa 3500 km liegen hinter mir, aber bleiben werde ich heute Nacht nicht. Die Sonne scheint auch anderswo und es ist noch früh am Abend. Nach einem kurzen Schwatz lasse ich die Suzi wieder an. Kurzer Besuch ans Ende der Welt: Hin, Anschlagen und zurück!
Egal, lieber Mücken als diese Kälte. Mir kann geholfen werden. Flott geht es, nun meist mit Rückenwind, zurück nach Ifjord. 12 km nach dem Start geht mein Tacho auf Null. Der Magnetrotor des Tachoantriebes hat sich nun endgültig irreparabel zerbröselt. Ab jetzt fahre ich nach Drehzahlmesser.
Als ich bei Mehamn die Sonne wieder begrüßen kann, wir es auch gleich wärmer. Nicht mehr lange und ich kann die Heizung auf Stufe I zurück stellen. Von Ifjord nehme ich jetzt Kurs auf Lakselv, vorbei am Lakse- und Adamsfjord. Dann ein Stück durchs Inland, bis der Porsangerfjord erscheint. Dieser Ausläufer vom Eismeer schiebt seine Zunge fast 100 km weit bis Lakselv nach Süden. Dort finde ich dann nach rund 730 km heute um 23:30 Uhr MESZ auf einem Felsvorsprung 50 m oberhalb vom Fjord mein Nachtlager. Freie Sicht nach Norden, die Mitternachtssonne wird hier ungehindert scheinen; Holz ohne Ende und ein aus Moosen bestehender weicher Untergrund. Ideal. Zuerst Feuer anzünden, dann Zeltaufbau. Die Mücken sind wie die Wilden. Ausgerechnet hier am Eismeer habe ich keine erwartet. Und sie sind so zahlreich wie auf der Tundra. Der Wind hat auf Süd gedreht und bläst kräftig ins Feuer. Die Birken brennen wie Gras, ich bin nur am Nachlegen. Dazwischen filmen und Mücken killen. Sie sitzen so dicht auf dem Sweatshirt, dass ich meist 3-4, einmal sogar 5, mit einem Schlag erlege.
Ich genieße die Ruhe, die Freiheit des Lagerfeuers und den Blick auf die endlos scheinende Mitternachtssonne, die nach zwei Uhr langsam wieder merklich ansteigt. Müde begebe ich mich gegen drei ins Zelt.

Mittwoch, 9. Juli
Schon halb sechs ist es nicht mehr auszuhalten. Die Sonne heizt das Zelt auf, mit Schlafen ist es vorbei. Ich muss raus. Packen und ab durch die Mitte.
Nach nur 20 km finde ich einen ideale Badestelle. Flacher Strand, leicht steinig, aber nicht veralgt oder schlüpfrig. Wäre auch kein übler Lagerplatz, weil freie Sicht nach Norden, aber es fehlt an Brennholz. Die paar Zwergbirken sind alle zu nass.
Der Himmel ist wolkenlos und schon über 25°. Raus aus den Sachen, das Shampoo geschnappt und hinein ins kühle Nass. Kühl ist noch untertrieben. Etwa 7° hat das Wasser, aber das habe ich ja erwartet; dafür ist es kristallklar und ich habe den ganzen Strand von Kamtschatka bis Tromsö für mich allein! Frisch gereinigt geht die Fahrt nach einem kurzen Gespräch mit einer schwedischen Familie weiter nach Lakselv zum Tanken. Mögen uns die norwegischen Benzinpreise noch ein paar Jahre erspart bleiben. Die Grünen und mein Amtsleiter würden sich freuen, wenn wir die auch bald hätten (2 €).
Dieses Jahr fällt mir auf, dass ich kaum Rentieren begegne. Vereinzelt, ja, aber keine Herden. Wegen der Hitze halten sie sich wohl mehr in den Wäldern auf.
Vom 70. Breitengrad bei Lakselv geht es nun wieder nordwärts entlang der Westseite des Porsangerfjords, Ziel Alta, mit dem gleichnamigen Fjord. Von dort aus habe ich die Möglichkeit, über Kautokeino durch die Tundra nach Süden zu fahren oder weiter auf der groben Route nach Narvik durch die nordische Fjordlandschaft zu fahren. Die Entscheidung fällt mir leicht. Von Mücken habe ich genug, und mehr als in der Tundra gibt es wahrscheinlich nirgends. Außerdem sind die Fjorde mit den schneebedeckten Berghängen gegen den blauen Sommerhimmel ein Anblick, den man nicht alle Tage zu sehen bekommt. Heute finde ich schon zeitig einen idealen Platz zum Lagern. Am Katfjord, auf etwa 69,5 ° n.B., habe ich von erhöhtem Standort aus wieder freie Sicht auf eine Insel, über die die Mitternachtssonne ziehen wird, denn sie liegt genau in nördlicher Richtung. Viehzeug stört auch nicht, denn es weht ein leichter Wind, so dass ich mich entschließe, im Freien zu schlafen. Nur Feuer kann ich nicht anzünden, es würde die Vegetation in Brand setzen. Dafür brauche ich aber nicht mal eine Matratze als Unterlage, so weich ist der Untergrund. Heute waren es 355 km.
Bequem im Schlafsack liegend, kann ich der Sonne auf ihrem Weg von links nach rechts zusehen. Je weiter sich Mitternacht nähert, um so mehr legt sich der Wind. Und es kommen ein paar Mücken. Nicht die Masse, aber bekanntermaßen reicht eine im Schlafzimmer aus. War ich zu Beginn der Nacht noch warm angezogen, so muss ich nun nach und nach immer mehr Hüllen fallen lassen, weil es immer wärmer wird. Gegen zwei liege ich nur im T-Shirt im Schlafsack und muss nun zum Schlafen die Zeltplane über den Kopf ziehen. Das Zelt baue ich jetzt nicht mehr auf. Ein Ende der Tortur ist noch nicht erreicht. Auch nackt ist der Schlafsack zu warm. Also raus aus ihm und nur die Zeltplanen als Decke genommen. Dafür fehlt mir zeitweise entweder die Luft, oder ich habe Besuch von kleinen summenden Insekten…

Donnerstag, 10. Juli
Wieder ist es erst halb sechs morgens, aber ich habe es satt, mich von diesem unverschämten Viehzeug tyrannisieren zu lassen und packe. Mangels Zeltabbau geht das schnell vonstatten und eine halbe Stunde später rolle ich in den nächsten sonnigen Tag.
Heute werde ich vom Kurs Narvik abweichen und über Kilpisjärvi nach Finnland zurückkehren. Kaum habe ich das Eismeer verlassen, steigt die Temperatur um weitere 10° auf über 30 an. Kurs Südost, Gegenwind nach Karesuanto, ich bleibe bis Muonio auf der finnischen Seite und nehme am Dorfstrand auf knapp 68 ° n.B. mein Bad. Wasser 20 °C! Jetzt wird es gemütlich. Bevor der Konsum schließt, genieße ich noch ein Eis, während das Kettenspray einzieht, dann quere ich den Muonionjoki nach Schweden in Richtung auf Pajala.
Zu weit nach Süden will ich nicht, denn heute wird für mich der letzte Tag unter der Mitternachtssonne sein. An einer Flussbiegung des Muonioälven, wie er hier in Schweden heißt, habe ich Sicht nach Norden frei, als ich nach heute nur 500 km einen Rastplatz finde. Mit offener Hütte und reichlich Birkenholz nebst Feuerstelle. Hier verbringe ich den letzten Abend mit dem üblichen Kampf gegen die Übermacht der Mücken und genieße die tief stehende Sonne, die gegen halb 12 in die Baumspitzen eintaucht. Ich bin nach den kurzen Nächten zu müde, um noch zu warten, bis sie gegen oder nach zwei Uhr morgens wieder aus dem Wald auftaucht und liege halb zwei todmüde im Zelt. Im Nordwesten zeigt sich eine Wolkenfront und weist möglicherweise auf einen Wetterwechsel hin.

Freitag, 11. Juli
Bis um 7 bleibe ich heute liegen, denn die Sonne wird von ein paar Bäumen verdeckt, so dass ich nicht schweißgebadet aufwache. Nach dem Start fahre ich bis Vormittag vorbei am Torne-, Tärendö- und Kalixälven nach Gällivare. Der Tärendo entspringt der zweitgrößten Bifurkation der Welt außerhalb von Deltagebieten aus dem Torneälven bei Junesuando und führt etwa die Hälfte des Wassers dem Kalixälven zu, in den er bei dem Ort Tärendö mündet. Bei Gällivare springe ich in den neben der Straße liegenden See, Wasser 23 °C! Luft schon 27 °C. Ein paar Stunden später breche ich wieder auf, frisch gebadet und erholt. Der Weg von Gällivare nach Jokkmokk zum Polarkreis führt dieses Jahr durch einen Backofen. Weit über 30 °C lassen den Asphalt aufweichen. Um fünf springe ich am Polarkreis noch in den angrenzenden See, der aber nur 19 °C hat. Über 2000 km war ich nördlich des Polarkreises unterwegs.
Um zu schlafen, ist es noch zu zeitig, sonst hätte ich bei Moskosel am See das Zelt aufbauen können. Aber leider sagt der Wetterbericht ab Sonntag Regen an, so dass ich mich entschließe, Land zu gewinnen und mir unterwegs etwas zu suchen.
Der untergehenden Sonne entgegen nehme ich Kurs über Arvidsjaur und Blattnicksele auf Storuman. Mehrfach versuche ich, einen geeigneten Platz zum Lagern zu finden, verwerfe aber alle aus den unterschiedlichsten Gründen. Um Mitternacht schlage ich dann nach 638 km in einem Park von Storuman das Zelt auf. Mücken gibt es reichlich, dafür keine Möglichkeit eines Lagerfeuers. Aber das ist mir heute egal, bin todmüde.

Sonnabend, 12. Juli
Um sieben schäle ich mich aus dem Schlafsack und packe. Über Vilhelmina führt der Weg nach Dorotea. Hier endet Lappland. Immer noch sonniges Wetter, aber nicht mehr so heiß wie gestern. Am Hotagen, einem Nebenfluss des Indalsälven, nördlich von Östersund, ist die Badepause. Der Fluss ist warm, aber der Untergrund wird schnell schlammig, Strömung fehlt fast. Von hier aus ist es nicht mehr weit bis Sveg. Dort könnte ich noch entscheiden, ob ich weiter nach Härjedalen und Norwegen zu den Fjorden der Westküste und ins Gebirge fahre. Doch der in Aussicht stehende Regen belehrt mich, dass das keinen Sinn macht. 60 km hinter Sveg mache ich am Sandsjö Quartier und schlafe kurzerhand in der offenen Grillhütte auf dem Tisch. Djungelöl hält mir Mücken und Knotts vom Halse. Trotz der Bummelei waren es auch heute wieder 530 km. Auf das Feuer verzichte ich und will lieber schlafen.

Sonntag, 13. Juli
Zur gewohnten Zeit packe ich zusammen und starte in einen sonnigen Tag. Das bleibt auch so bis Mora. In Vansbro will ich mein Morgenbad am Zusammenfluss von Vanan und Vesterdalälven nehmen, aber jetzt ist mir der Regen auf die Pelle gerückt, der Himmel hat sich zu gezogen. Ab jetzt wird es eine Wettfahrt mit dem Wetter. Schon vor Filipstad der erste Wolkenbruch. Ihm kann ich noch unter gestellt entgehen. Rein in die Regenhose und –stiefel. Eine Weile geht es noch gut, aber östlich von Karlskoga auf dem Weg nach Askersund schlägt der Regen erneut zu, dann ab Vadstena richtig. Die Aussicht auf den Vätternsee kann ich nicht genießen. Dennoch habe ich Glück, als ich südlich von Jönköping gegen 10 in einer Regenpause das Zelt am Lövsjö aufschlagen kann. Weitere 500 km stehen zu Buche. Obwohl es nicht gerade warm ist, entschließe ich mich noch zu dem nötigen Bad im See. Danach werde ich im Schlafsack schnell warm und verbringe in mückenfreier Zone eine angenehme Nacht.

Montag, 14. Juli
Wider Erwarten bleibt es die Nacht trocken. Als ich packe, habe ich sogar die Hoffnung, dass es heute wieder besser wird.
Schon nach wenigen Kilometern auf dem Weg nach Växjö muss ich halten, um die Kette zu schmieren. Bei dem weichen Untergrund konnte ich die Suzi gestern nicht auf den Hauptständer stellen.
Von Växjö aus nehme ich einen Abstecher auf Kalmar mit, will mir mal die Insel Öland ansehen. Der Wetterbericht sagt 18-23 °C voraus. Soweit die Theorie.
Auf der Insel, nach 6 km Fahrt über die Brücke angekommen, nehme ich Kurs Süd. Doch die Hauptstraße führt durch das Inland. Um zu den Stränden zu kommen, gibt es alle paar Kilometer eine Stichstraße nach Westen, die als Sackgasse endet und wo es nur zu Fuß weitergeht. Kein Kommentar. Ich drehe um und muss schon nach wenigen Metern erneut in die Regenkombi. Jetzt geht es richtig los. Von Kalmar über Kristianstad Kurs auf Malmö; 300 km im strömenden Regen. Zuerst überlege ich noch, ob ich von Malmö über die Brücke nach Kopenhagen fahren soll und dann die Fähre Gedser-Rostock nehme. Doch da komme ich in die Nacht. Bei dem Wetter nicht angenehm. Also verlasse ich bei Lund die Autobahn und kämpfe mich die letzten 40 km bei starkem Seitenwind und Regen nach Trelleborg durch. Wieder 620 km heute, davon die Hälfte im Regen. Ich steuere die TT-Linie an und buche nach Rostock die Nachtfähre; so habe ich gleich einen trockenen Schlafplatz.

Dienstag, 15. Juli
6:15 Uhr legt die „Tom Saywer“ in Rostock an. Freundliches Wetter, welches auf dem Weg nach Süden immer angenehmer wird. Unterwegs Rasten, habe schlecht geschlafen, ein Schnarcher hat mir die Ruhe geraubt. Ab Wittstock Bundesstraße nach Magdeburg. Vor Osterburg ein böser Verkehrsunfall. Vollsperrung, kann Stunden dauern. Die Ortskundigen drehen ab und fahren einen Schleichweg. Ich schließe mich ihnen an. Abends halb sechs bin ich nach 13 Tagen und knapp 7200 km wieder auf dem heimatlichen Grundstück.
Schön war´s mal wieder, aber anstrengend. Langsam glaube ich, ich werde zu alt für solche Sachen…


Kommentare


ABSENDEN

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Schülli
Ein toller Bericht... Sehr präzise😀
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IlodV
Hut ab...was die Reise angeht. Und Dein Reisebericht ist einfach toll....
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OGGSentreiber
danke für diesen schön geschriebenen Bericht, fürs teilhaben lassen, war fast wie mitfahren...lg die Oggsentreiber
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Bine-
Genial...
und da noch Bilder dazu...
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meine-dicke
Danke für diesn schönen Bericht.
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Indi_88
Respekt !!!
Alter Schwede Du bist ja der Hammer.....Also jeden Tag so viel km ist schon heftig.....
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sunniklein
und ist der Urlaub und das Campen noch so schön, man freut sich doch auch wieder zuhause auf's eigene Bett und die eigene Dusche... bis es wieder heisst: Die Sehnsucht ruft mich nach draussen! Schöner Bericht!
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flautensegler
Danke für Deine Mühe, der Bericht macht so richtig hungrig auf den Hohen Norden. Ich freue mich schon darauf
servus Paul
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chip59
Tja, wir werden alle nicht jünger ;-) aber vielleicht versuchen wir es ja gerade aus diesem Grund Jahr für Jahr wieder!!!
In diesem Sinne
Chip
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tundrarabbit
Ich habe mehrfach unterwegs gegrübelt, ob das eigentlich schon Landstreicherei ist. Ohne die diesbezügliche Definition zu kennen, habe ich mich entschlossen, formaljuristisch als notwendigen Tatbestand einen fehlenden festen Wohnsitz anzuführen. Der Tatbestand ist nicht gegeben. Also doch Tourismus...
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